Die Zeugen
Gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts machte derTod die liebenswürdige Gräfin Ludomilla von Bogen (diedamals für die Venus des Landes Baiern galt) im acht-zehnten Sommer ihres Lebens zur Wittwc. Er that ihrdamit keinen so angenehmen Dienst, als er vielleicht man-chen andern Damen erweisen mag, die mit ihrem Gatteneinen ewigen Krieg führen, doch dabei so gutherzig sind,ihm den Frieden des Grabes zu wünschen. Ludomillahatte ihren Gemahl, mit dem sie nur wenige Monateverbunden gewesen war, treu und herzlich geliebt, undschien über seinen frühen Verlust untröstlich. Dennochschmeichelten sich viele Ritter, die dem Grafen den Besitzseines reizenden Weibes beneidet hatten, mit der Hoffnung,an seine Stelle zu treten.
Allein die junge Wittwc ließ alle Seufzer um Gegen-liebe vergebens in de» Wind verhauchen, und fertigte diesämmtlichen Freier mit der höflichen Antwort ab, daß sieihrem unvergeßlichen Gemahl noch im Tode treu bleibenwolle. Dicß war im Laufe des Trauerjahres ihr auf-richtiger Ernst. Doch die Zeit, die dergleichen heroischeEntschlüsse gewöhnlich abändert, that cs auch bei ihr. Sie