225
108 .
Kellner an v. Hennings.
Hannover d. 7. November 1774.
Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht ver-stehen, wenn ich es nicht längst vorausgeschen hätte,daß die Leiden des jungen Werthers den Mißverstanderregen würden, den ich aus Ihrem Briese in Koriingewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Aus-ruf: „Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn„kann! Ich bin nicht zu bedauren, wenigstens nicht in„dem Verstände, wie sie meynen. Ich traure nicht."— Mit einem Worte, es ist alles Jrrthum, und esgeht mir nahe, daß dieses Sie betrüben müße. Ichwill Ihnen, so viel wie möglich das Räthsel auflösen.Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr einemJahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, er-halten, so hätte cs zu dem Jrrthum wahrscheinlich nichtkommen können. Er muß aber verloren gegangen seyn.Ich bin schon seit mehr als 1 hiz Jahren nicht mehr zuWetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secrctair.
Krst»er, Goethe und Weither. 10 18