-»-D 222
die gerichtlichen Angriffe ruhig erwarten. Hierzu ließsie es aber nicht kommen, sondern bestand darauf, daßalle Ansprüche, deren Rechtmäßigkeit augenscheinlichwar, ohne Verzug aus der Erbschaft befriediget werdenmußten. Als dieß geschehen war, blieb ihr nur einRest von einigen hundert Thalern übrig.
Man begriff Anfangs nicht, wie die beträchtlichenSummen, die der Verstorbene Jahr aus Jahr ein er-worben hatte, so geschmolzen seyn konnten; doch diesesRäthsel enthüllte sich bei genauer Durchsuchung seinerPapiere. Da fand sich, daß er in der letzten Epocheseines Lebens mit Gewalt hatte reich werden wollen,und darüber, wie die Bibel sagt, in Versuchung undStricke gefallen war. Er hatte nämlich nicht nur seineigenes baares Vermögen, sondern auch Wittwen- undWaisengelder auf unmäßig hohe Wucherziusen ausge-liehen, und bei diesem Wagestücke gewaltige Schlappenbekommen. Andere verunglückte Spekulationen, die nichtminder unrühmlich waren, zu geschweige».
Pauline, die man vorher für eine reiche Erbin hielt,war nun so arm, daß sie sich durch die Nadel ernährenmußte. Wie glücklich wäre sie gewesen, wenn sie Eduar-den nie gekannt, und nicht seinetwegen manchen bravenund wohlhabenden Mann, dessen zufriedene Gattin siesie jetzt seyn konnte, verworfen hätte!
Ihre Arbeiten fanden theils wenig Absatz, theils wur-den sie ihr von geizigen Kunden um den halben Lohnabgedrungen; daher war ihr Fleiß nicht einmal wirk-sam genug, sie in einer zwanglosen Unabhängigkeit zuerhalten. Sie sah sich genvlhiget, die Unterstützungeiner alten Tante anzunehmen, die ihr zwar freie Woh-