332
Der Kardinal und der Papst.
Kaum hatte Papst PinS VII vierzehn Tage lang den heiligenStuhl besessen, kündigte' er sich, zu nicht geringem Erstaunen derGeistlichkeit selber, entschlossener und kühner, denn eine ganzeReihe seiner Vorfahren, als Wiederherstellcr der bis zur Ohnmachtgesunkenen Majestät des römischen Pontifikats an. Er forderteden geistlichen nnd weltlichen Arm zur Vertilgung der Philosophieauf, denn sie habe das Glück der Welt (der römisch-apostolischen)zerstört. Er stellte den Orden der Gesellschaft Jesu her; salbete de»Kaiser des Abendreiches; erneuerte zu Rom die Inquisition; verbotdie Verbreitung der Bibel im Volke; kanonisirte Heilige; verdammtedie Freimaurer; schloß mit den weltlichen Mächten, so gut esSchwäche derselben oder andere Umstände erlaubten, Konkordate,und streute Bullen und Breven in Fülle aus. Kurz mit Ausnahmeeinigen Wankclstnns in bedrängten Zeiten, zeigte er sich mit derganzen Bestrebsamkcit eines mittelalterlichen Papstes.
Pius vii. wäre vielleicht gern ein Gregor vil. des neun-zehnten Jahrhunderts geworden, wenn in diesem noch die Mensch-heit des eilften Säkulnms gelebt hätte. Er fand sie aber nichtvor. Es war ein anderes Geschlecht. Doch ein Mann, nicht mitden Zielen bloß, sondern mit dem Geiste und Starkmuth Gregorsvii., wäre auch im neunzehnten Jahrhundert wohl noch ein Gre-gor VII. gewesen. Das konnte Pius VII. nicht, weil es ihm anden ersten Erfordernissen zu einem großen Staatsmann fehlte.Denn er begriff und kannte durchaus sein Jahrhundert und seineZeitgenossenschaft nicht; darum griff er in dasselbe falsch ein, nndschadete seiner Kurie, seinen Nachfolgern und seinem Ruhm. Erließ sich beigehcn, das gegenwärtige Weltalter über den Leisten dessechszehnten oder fünfzehnten Jahrhunderts schlagen und danachbearbeiten zu wollen. Ein Papst hingegen mit Gregors VII. großem