Druckschrift 
6 (1853)
Seite
422
Einzelbild herunterladen
 

422

und Religionen das Wahre, das Vergöllichendc, wie in demdurch Jesum der Welt gcoffcnbartcn Gehstmniffe Gottes, inwelchem, wie sich Paulus der Apostel ausdrtchte, verborgen lie-gen alle Schätze der Weisheit und der Erkennest?. (Kol. 2, 3.)Alle blieben gleichen Sinnes gegen den längst versch wundencnFreund, und überzeugten sich durch ihr Nachdenken immer mehr,daß in ihm wohne die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.

Schmach und Verkennung war der Lohn ihrer Mühen. Sicstrittenmit Mangel und Blößen. Man verspottete sie bald alsthörichte Schwärmer, verfolgte sie bald als Aufrührer. Sielagen in Ketten und Banden. Das Gcfängniß war oft ihrRuheort. Nicht die Zartheit ihrer Gefühle, nicht die Erhaben-heit ihrer Tugenden, nicht das übernatürliche Licht, nicht diemajestätische Gewalt ihrer Beredsamkeit, rettete fle vom Unter-gang, den ihnen die verblendete Welt schwor. Doch mit himm-lischer Ruhe sah man fle in de» Stürmen des Lebens stehen.Ihr Blick hing nicht an dem Vergänglichen dieser Minuten,sondern an dem, was ewig ist.

Sollten sie vor denen beben, die nur den Leib tödten können?Gelassen empfingen sie Folter und Tod. Jesu Wort war ihrTrost, Gott und Ewigkeit ihre Hoffnung. Ihre erste Liebe, ihrealte Treue änderte nicht mit dem letzten Athemzuge. ES istdie Sage aufbehalten, wie Johannes ein hohes Alter von hundertJahren erreicht hat ,a ß Viele glaubten, er werde nicht sterben.Alle übrigen seiner Mitjünger waren schon im Grabe. Aber nochin der absterbcnden Hülle des Greises lebte die zärtliche Liebefür seinen göttlichen Freund und die rührende Erinnerung vondessen Huld fort, wie einst in den schönen Tagen der Jugend.Da man ihn zu Ephesus hinaustrug auf den Armen, daß erdem Volke predige, welches den heiligen Greis zu sehen begierigwar, breitete er segnend seine Hände über die bewegte Versamm-