Druckschrift 
6 (1853)
Seite
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An solchen Tagen pflegen uns die Glückwünsche wohlmeinenderFreunde zu begegnen. An solchen Tagen suchen dankbare Kinderihren Acltcrn, edle Zöglinge ihrem Lehrherrn, die Gattin demtreuen Gatten, der Gatte dem geliebten Weibe, Vater und Mut-ter dem Kinde eine freudige Nebcrraschung zu verschaffen. Undauch derjenige, für welchen der jährlich wiederkchrendc Geburts-tag kein Familienfest ist, pflegt ihn nicht leicht vvrübergchen zulassen, ohne sich seiner, als einer wichtigen neuen Lcbcnsstufe,es sei nun mit angenehmen oder unangenehmen Empfindungen,zu erinnern. Immer geht der Gedanke durch seine Seele: Soalt bin ich nun geworden! Je nachdem der Mensch mehroder weniger gewohnt ist, über sich und seine Verhältnisse nach-zudenken, schlüpft er entweder leichtfinnig darüber hinweg, oderdie Betrachtung wird ernsthafter.

Es ist uns erzählt worden, daß cs in der Vorzeit Menschengegeben, welche unter ihren religiösen Hausfestcn von der ge-meinen Art, den Geburtstag zu begehen, gänzlich abwichen.Sie feierten die Geburt eines Kindes mit Wehklagen und Mit-leid. Sie betrauerten schon im voraus dessen Widerwärtigkeiten,die es noch erfahren würde; die Krankheiten, Schmerzen, Sorgen,Mühseligkeiten, welche es noch zu ertragen habe. Sic sprachen:Wie sollen wir uns freuen über das Erscheinen des Säuglings,der unter Schmerzen geboren ward, und mit Weinen in die Welttritt, als sähe er schon die Reihe von Uebcln voraus, die ihnerwarten? Dagegen feierten sie den Todestag ihrer Freundemit stillem Vergnügen, als den Erlösungstag von allen irdischenLeiden, als das Geburtsfcst der Seele zur ewigen Seligkeit.Sie schmückten den Leichnam mit Blumen, und bekränzten ihreigenes Haupt mit denselben, zum Zeichen ihrer Theilnahmc andem Wiederaufblüben des abgeschiedenen Geistes in schönern Ge-filden Gottes.