Druckschrift 
6 (1853)
Seite
296
Einzelbild herunterladen
 

296

blickt!Aber nicht an bcr äußern Sittsamkeit genüge pjr; lerneschamhaft vor dir selbst und vor dem Blicke des Allgegenwärtigensein! Lerne nicht nur unanständige Vorstellnngen meiden; nichtnur den Menschen fliehen, der thicrisch sich selbst vergißt: sonderndich selber fliehen, wenn unreine Bilder sich aufdrängcn wollen.

Ucbc dich selbst, nur das Nützliche zu thun, aber die Weich-lichkeit des Müßiggangs, das wilde Geträum der Einbildungenzu fliehen. Härte dich selbst in einem thätigen Leben ab, welchesder Wollust feind ist. Gewöhne dich selbst, nur Geschmack zu ge-winnen an den Werken der Weisen, die das Herz bessern, Ge-sinnungen reinigen, den Verstand aufklärcn, die Vernunft wirk-sam machen; hingegen Ekel zu empfinden vor den zwecklosen, oftunschicklichen Dichtungen falsch geleiteter Einbildungskraft. Uebedich selbst in der Kunst der Selbstbeherrschung, der Selbstver-läugnung und des Entbchrcns dessen, was die Sinne am meistenreizt und schmeichelt. Mache in dir selbst die Achtung für eigeneScelengröße, für eigene Geistcöhoheit mächtiger, als die Achtungfür fremde Große und fremde Hoheit. Ermuntere dich selbst,Alles zu sein, Nichts zu scheinen, und in der Einsamkeit ganzderselbe, wie im öffentlichen Leben, dazustehen! Trenne dichselbst von sittenlosen Menschen, die, abgeschält von tugendhaf-ten Grundsätzen, nichts Gutes kennen, als Sinnenkitzel, nichtsGerechtes, als den eigenen Nutzen, nichts Wahres, als dasSpiel der abwechselnden Umstände.

Ich will cs! Allgegenwärtiger Gott, Dir sei es gelobt,ich will cs!Za, unversehrt bewahren will ich das himmlischeGefühl für wahre Ehre und wirkliche Schande, welches Du inmeine Brust legtest, und das sich in einer reinen Schamhaftig-keit äußert. Nicht vor fremder Unthat allein will ich crröthen,sondern vor der Umvürdigkeit meiner eigenen Vorstellungen undBegierden.