259
für ein schönes, selbstgeträumtes Bild, nicht für den wirklichenMenschen, dem du die Göttlichkeiten andichtest, die er kaum kennt.
Wähle, um in der Freundschaft glücklich zu sein, keinePerson des andern Geschlechts zum Vertrauten. Denneine solche Vertraulichkeit, statt ein reines Glück zu gewähren,bringt leicht zu den schmerzlichsten Verirrungen, und entzündetoft Leidenschaften, von denen wir fern zu sein glaubten. Soedel auch der Mann, so tugendhaft auch das Weib sei, immerwird sich, ihnen selbst unbemerkt, der Reiz der Geschlechtslust indie Ergüsse ihrer Freundschaft mischen, und ein Gefühl verunrei-nigen , das höhern Zwecken heilig ist.
Wärest du vermählt, um so gefährlicher würde eine solcheWahl sein. Du könntest nicht vermeiden, die Ruhe deines Hausesvurch Anlaß zur Eifersucht zu stören; du könntest nicht vermeiden,den guten Ruf zu vernichten, dessen du bisher genössest. DieFreundschaft, welche dir Blumen auf den Lebensweg streuen sollte,wirft Dornen darüber.
Wärest du unvermählt, würde die Gefahr durch solche ver-trauliche Freundschaft mit einer Person andern Geschlechts nichtgeringer sein, besonders wenn du dir selbst nicht verbergen kannst,daß eine eheliche Verbindung so bald weder gedenkbar noch rath-sam ist. Welches Glück kannst du dir von einem Umgang ver-heißen, der dich in die Folgen einer traurigen Leidenschaft zuziehen droht? Oder wie schrecklich wäre es für dein Herz, wennes noch rein und edel in dir schlägt, sobald du wahrnähmest,daß dein Umgang Hoffnung zu einer engem Verbindung erregthätte, welche du weder befriedigen magst, noch kannst, noch darfst!Ist das Freundschaft, wo du zum Mörder der Ruhe und derGlückseligkeit einer Person wirst, die du achtest? Ist das Freund-schaft, wo du durch Leichtsinn oder Eitelkeit eine Leidenschaft ent-flammst in fremder Brust, ohne Mittel, ohne Ernst, sie zu löschen?