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6 (1853)
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hat. Die bloße Empfindung des Wohlgefallens an einer Personbesticht gewöhnlich sehr leicht unsere reizbare Einbildungskraft,und wir trauen dann dem, an welchem unser Wohlgefallen haftet,eine Anzahl guter Eigenschaften zu; nicht weil er durch fie schonliebenswürdig geworden ist, sondern weil wir ihr lieben wollen,und er ohne solche Eigenschaften nicht mehr liebenswürdig wäre.

Dies ist einer der gemeinsten Fehler beim Eintritt in denBund der Freundschaft überhaupt am gemeinsten in der Tagender Jugend, wo ein stürmisches Blut das Herz bewegt, die Ge-fühle rührt, und wo die Einbildungskraft gern Meisterin überden Ernst des Verstandes wird; am gemeinsten aber unter jungenLeuten zweierlei Geschlechts, wo die erwachenden Triebe derNatur sich zum allgemeinen Bcdürfniß nach Freundschaft, zurEitelkeit und zur Eigenliebe gesellen, und die ungeregelten Empfin-dungen zur Macht blinder Leidenschaftlichkeit erhöhen.

Während unser Verstand sich von Tag zu Tag,von Jahr zu Jahr durch immer neue Erfahrungenstärkt, schwächt sich, und zu unserm Glücke, unmcrk-lich mit den Jahren die Gluth der Empfindungen.Daher ist es begreiflich, daß mit dem Wachsthum des Verstandesund der Abnahme der allzugroßen Lebhaftigkeit der Gefühle somanche allzurasch geschloffene Ehen nachher die unglücklichstenwerden müssen. Denn das Begehren der Empfindungen wirdendlich bald durch Gewohnheit und Alltäglichkeit gesättigt; wehe,wenn dann nichts zurückblieb, das die dauerhaften Forderungendes Verstandes an dem bisher geliebten Gegenstand befriedigenkann! Wehe, wenn dann im alltäglichen Einerlei des Lebensdie glänzenden Täuschungen verschwinden, mit denen wir unssonst entzückten; wenn wir dann, einer blinden, urtheilloscnSehnsucht zu gefallen, alles Andere aufgeopfert haben, wasblcibendern Werth hat, als äußere Anmuth, an die man sich endlichVI. 9