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6 (1853)
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wenn Jeder, dcr nicht Neigung hätte, uns zu lieben, ohne Scheuseine Verachtung ansdrückte; wenn der Wüstling ohne Schamdas Ohr dcr Unschuld mit unzüchtigen Worten beleidigen dürste;wenn der Unreine und Pöbelhafte uns ohne Rücksicht mit seinenekelerregenden Nachlässigkeiten begegne» wollte!

Jedermann fühlt dies. Jedermann fordert von Andern, undmit Recht, die Beobachtung dcr ihm schuldigen Ehrerbietung.Jedermann weiß, wie leicht man sich die Menschen durch eingütiges, verbindliches Benehme» geneigt macht. Und in derThat, es ist nicht weniger nothwendig, darauf aufmerksam zumachen, daß man nie das Schickliche und Geziemende versäume,als vielmehr, daß man feinere Lebensart, Höflichkeit und ein-schmeichelndes Aeußcrc nicht für die Hauptsache halte, die imUmgang zu beobachten sei.

Wirklich ist cs in vielen christlich heißenden Familien ein nurallzugemciner Fehler, daß sic ans das Wohlanständige einen allzu-hohcn Werth setzen. Es gibt Tausende von Menschen, denen cserträglicher ist, für lasterhaft gehalten zu werden, als für lächer,lich. Sie verzeihen sich weit leichter eine Schandthat, als e-kVersehen gegen den sogenannten guten Ton. ES gibt nnzähägcAcltcrn, die vom Morgen bis zum Abend bemüht sind, ehrenKindern angenehme Stellungen, verbindliche Redensarten, höf-liches Betragen, Geschicklichkeiten aller Art bcizubringcn, währendsie ziemlich gleichgültig sind, ob die jungen Herzen Anlage zurEitelkeit, zum Geiz, zum Jähzorn, zum Neid, zun Hochmuthoder zur Heuchelei und Verstellung haben. Welch n» Menschen-geschlecht, welch ein Zeitalter muß daraus hcrvorgehen, wennman dcr Jugend die Religio» Jesu als bloße Glaubenssache,die Gottcsverchrung als bloße herkömmliche Ucbung, die Tugendals eine schöne Eigenschaft oder löbliche Gewohnheit, aber An-stand, feine Lebensart und einschmeichelndes Wesen als Haupt-