Lies nicht viel; aber das Wenige mit Ernst, mit Nach-denken und Ucbcrlegung, bis cs dir deutlich, und ebendadurch in deinem Gedächtnisse bleibender geworden ist. Lege dieSchrift oft hin, und erwäge, was sie lehrte. Prüfe ihre Gründe.Ruhe nicht, bis du zu fester Ucbcrzcugung und Kcnntnist gelangtbist von dem, was in dem Gelesenen wahr, nützlich oder schönsei. Davon erforsche die Ursachen in dir selbst.
Lies nicht viel, am seltensten aber zu deinem bloßenVergnügen. Das reinste Vergnügen empfindet man immerda, wo man sich beim Lesen unterrichteter, gebesserter fühlt, undwo das, was unser Geist aus fremden Quellen schöpfte, wohl-thätig in unser Leben übergeht. Darum soll man selbst die Werkeder Dichter, die Schöpfungen einer schönen Einbildungskraft,nicht bloß der vorübergehenden Lust willen lesen, welche die Kunstdurch Erregung unscrs Gcmüths erweckt: sondern um sich durchsic zu veredeln und die Tiefen des menschlichen Herzens, dessenHoheit, dessen Schwächen kennen zu lernen. — Doch ist cs ebenbei Werken dieser Art, wo wir die vorzüglichste Sorgfalt an-wendcn müssen, nicht in das Schlechtere zu verirren, währendwir dem Höher» nachstrcbcn wollen. Das Mittelmäßige, wenndu dich dessen gewöhnst, stumpft zuletzt deinen Sinn für dasVortrefflichere ab, verdirbt den Geschmack. Das Geistreicherewendet hingegen seine Zauber auf unwürdige Gegenstände an;macht es sich zur schmählichen Aufgabe, niedrige Leidenschaftenzu reizen oder zu adeln, und das Laster zu rechtfertigen, zu ent-schuldigen, oder doch zu schmücken. Nur zu oft lauern untersolche» Rosen, die dich locken, Schlangen. Daher lies lieberkeine solchen für das Vergnügen der Einbildungskraft berechneteSchriften, es sei denn, daß dir ein treuer, erfahrner, tugend-hafter Freund die Lesung derselben empfohlen hat.
Christum und seine Weisheit lieb haben, ist besser, denn alles