Beschäftigen und Kitzeln ihrer Einbildungskraft, und auf durch-aus nicht Höheres abgesehen ist. Wie Kinder alles Nützliche beiSeite setzen, um wunderbare Mährchen anzuhören, die ihnendurch Erweckung von mancherlei Gefühlen und Selbsttäuschungenergötzlich find: so wird aus gleichem kindischem Hang bei vielenErwachsenen das Lesen zur Leidenschaft. Dieser Fehler, noch un-bekannt in den Zeiten Zesu und seiner Jünger, ist heutiges Tages,zumal in größcrn und kleinern Städten, einer der gewöhnlichstengeworden, und ist die nur allzuscltcu öffentlich gescholtene Quelledes SittcnverderbcnS und des Mangels an Kraft und Religiosität.
Die Lcscsucht ist eine unmäßige Begierde, seineneigenen, unthätigen Geist mit den Einbildungen undVorstellungen Anderer aus deren Schriften vorüber-gehend zu vergnügen. Man liefet, nicht um sich mit Kennt-nissen zu bereichen, sonder» um zu lesen; man liefet das Wahreund das Falsche prüfungslos durcheinander, ohne Wißbegier,sondern mit Neugier. Man liefet und vergißt. Man gefällt sichin diesem behaglichen, geschäftigen GeistcSi.uüßiggang, wie ineinem träumenden Zustande.
Das bloße Lesen, ohne ernsten Willen, Belehrung oderBesserung zu gewinnen, ist wirklicher Müßiggang desGeistes. Denn der Geist, so lange er nur fremde Vorstellungenan sich vorübcrglciten läßt, verhält sich leidend; und wenn ervon diesen Vorstellungen keine zurückbehaltcn kann oder mag,wird ihm das Ganze so wenig wcrth, als ein Traum. Er hatteeine kostbare Zeit verschwendet. Die Zcitvcrschwcndung aber istnicht der einzige Schaden, welcher aus der Vicllcscrci entsteht.ES wird dadurch die geistige Ruhe und Unthätigkeit, die Be-gierde, Andere für sich denken zu lassen, zum Vedürfniß. Eswird das Müßiggehen zur Gewohnheit, und bewirkt, wie allerMüßiggang, eine Ab spann ung der eigenen Scelenkräfte.