3
Bedeutung mehr zu dieser Wahl eignen würde als jede andere.Aber ungeachtet dieser örtlichen und climatischen Vorzüge, un-geachtet der Pracht von Kirchen und Hallen, ungeachtet derMarmorblöcke und goldenen Schatzkammern mußte der kaiser-liche Gründer die Erfahrung gemacht haben, daß, wenn ihmauch so reiche Hülfsmittel zu Gebote standen, es der Geist desMenschen selbst und das von den Alten auf's Höchste vervoll-kommnete Talent gewesen waren, welche die Kunstwerke oderThaten hervorgebracht hatten, worüber die Welt staunte. DerKaiser hatte Macht genug, andere Städte ihrer Zierden zuberauben, um seine neue Hauptstadt damit zu schmücken; aberdie Männer, die große Thaten verrichtet hatten, und dieKünstler, die jene Thaten durch Gesang, Farbe und Töneverherrlicht hatten, waren nicht mehr. Die Nation, wiewohlnoch immer die gebildetste der Welt, war über die Lebens-periode hinaus, wo des Namens Ruhm der einzige oder höchsteLohn für den Geschichtschreiber und Dichter, den Maler undBildhauer ist. Der Despotismus und der Knechtstun, die sichin das Reich eingeschlichen hatten, hatten längst den Geistzerstreut, der einst das freie Rom durchwehte, und nur schwacheErinnerungen waren zurückgeblieben, die zu keiner Nacheife-rung anspornten.
Hätte Constantin auch durch eine Eingießung des altenRömergeistes die Wiedergeburt seiner neuen Hauptstadt be-werkstelligen können, so war es nicht mehr an der Zeit, daßConstantinopel diesen Lichtfunken hätte entlehnen oder Romihn verleihen können.
Zn einer sehr wichtigen Beziehung jedoch hatte sich Con-stantinopel zu seinem offenbaren Vortheil verändert. Die Weltwar christlich geworden, und hatte sich von dem Druck desheidnischen Aberglaubens befreit. Es steht nicht zu bezweifeln,
1 «-