196
sagte Rowena. „Mein Gemahl steht bei dem Könige in Gunst,der König selbst ist gerecht und edelmüthig."
„Lady," sagte Rebecca, „daran zweifle ich nicht; aber Eng-lands Volk ist ein stolzes Geschlecht, immer mit ihren Nach-barn, oder unter sich selbst uneinig, und stets bereit, dasSchwert einander in die Seite zu stoßen. Das ist kein siche-rer Aufenthalt für die Kinder meines Volkes. Ephraim isteine muthlose Taube — Jsaschar ein gedrückter Sclav, derzwischen zwei Lasten einherschreitet. In keinem Lande desKrieges und Blutes, umgeben von feindlichen Nachbarn unddurch inner» Zwiespalt zerrissen, kann Israel hoffen, auf sei-ner Wanderung zu rasten."
„Aber Du, Mädchen," sagte Rowena, „Du hast doch gewißnichts zu fürchten! Sie, die am Krankenbette Jvanhoe's alsArzt und Pflegerin wachte, sie kann nichts zu fürchten habenin England, wo Sachsen und Normannen sich wetteifernd be-mühen werden, ihr die meiste Ehre zu beweisen."
„Eure Rede ist schön," entgegnete Rebecca, „und Eure Ab-sicht noch schöner. Aber es kann Nichtsein — eine Kluft ist zwischenuns befestigt. Unsere Geburt, unser Glaube verbietet uns, siezu überschreiten. So lebt denn wohl! Doch ehe ich scheide,gewährt mir noch eine Bitte! Der bräutliche Schleier bedecktDein Angesicht, erhebe ihn, und laß mich das Gesicht schauen,von dem der Ruf so bewundernd spricht."
„Es ist des Anschauens kaum wcrth, allein ein Gleichesvon meinem Gaste erwartend, hebe ich den Schleier aus."
Sie that es, und theils im Bewußtsein ihrer Schönheit, theilsaus Schaam, erröthete sie dergestalt, daß Wangen, Stirn, Nackenund Busen wie mit Purpur übergossen waren. Rebecca er-röthete gleichfalls, allein cs war nur eine vorübergehende Em-pfindung, und bald von höheren Gefühlen ergriffen, entschwand