200
In diesem Augenblick kam König Philipp von Frankreich,von einem oder zweien seiner Edlen begleitet, auf die Plattedes Hügels, um die Ursache der Ruhestörung zu erfahren, undbezeigte sein Erstaunen, als er den König von England vomKrankenbette aufgestanden, und ihrem gemeinschaftlichen Ver-bündeten, dem Herzog von Oestrcich, in einer so drohenden undbeleidigenden Stellung gegenüber erblickte. Richard selbstschämte sich, vor Philipp, dessen Klugheit er eben so sehr achtete,als er dessen Person verschmähte, in einer Stellung überraschtworden zu sein, die weder seinem Charakter als Monarch, nochals Kreuzfahrer angemessen war, und man bemerkte, daß erseinen Fuß wie zufällig von dem entehrten Banner wegzog,und statt der leidenschaftlichen Haltung einen Ausdruck vonMäßigung und Gleichgültigkeit annahm. Auch Leopold be-mühte sich, einige Ruhe zu zeigen, obwohl cs ihn bitterkränkte, daß Philipp sein leidendes Verhalten bei den Belei-digungen des stolzen Königs von England gesehen hatte.
Philipp, der viele jener Fürstentugcnden besaß, die ihm vonseinen Unterthanen den Beinamen Augustus erwarben, konnteder Ulysses des Kreuzzugs genannt werden, wie Richard ohneZweifel der Achilles desselben war. Der König von Frankreichwar klug, weise und umsichtig im Rath, standhaft und beson-nen im Handeln; er sah klar und verfolgte unermüdlich dieMaßregeln zum Besten seines Königreichs; er war voll könig-licher Würde tapfer, aber mehr Staatsmann als Held. DerKreuzzug würde von ihm nicht erwählt worden sein, aber derZeitgeist war ansteckend, und er wurde dazu durch die Kircheund den einstimmigen Wunsch seines Adels gezwungen. Injeder anderen Lage oder in einem sanfteren Zeitalter würdesein Charakter den des abenteuerlichen Löwenherz überragt ha-ben; aber auf dem Kreuzzug, einem an sich völlig unvernünf-