Druckschrift 
3 (1853)
Seite
381
Einzelbild herunterladen
 

381

schaft, den geliebtesten unter deinen Freunden, nicht für so gut,daß er nicht einen Fehler habe, der je nach den Um-ständen ihn zu einem ihm und und dir gefährlichenSchritt verleiten könnte. Suche diese seine vielleicht schonsehr entwickelte Anlage zum Bösen, diese Schwäche, in welcherder Keim eines Verbrechens liegt — ein solcher Keim ist in jeg-licher Schwäche! — kennen zu lernen, um den Freund von dieserSeite mit Vorsicht zu behandeln. Aber halte auch den dir ver-haßten widerlichsten Menschen nicht für so schlecht, daß ernicht eine oder die andere tugendhafte Eigenschaftbesäße, in welcher er dich bei weitem übertrifft. Auchder Verbrecher, von seinen Verbrechen auf das Blutgerüst geführt,hat noch edle Züge des Gemüths, die ihn achtungswürdig machenkönnten, wenn sie so bekannt wären, wie die Ausbrüche seinerRohheit.

Vergiß nie, auch bei den vortrefflichsten Entwürfen, die duzur Beglückung deiner Mitmenschen machst, und zu deren Aus-führung du mit hoher Begeisterung schreitest: daß es gefähr-lich sei, alles Vorhandene umzuwerfen, seiner Män-gel wegen, während du vielleicht das Gute nichthinlänglich gekannt hast, welches doch auch darinliegen mochte. Zerstören ist oft leicht, aber auch kein Ver-dienst; das Bessere aber immer zweifelhaft, was man noch zubauen gedenkt. Vergiß nie, daß die Natur nicht plötzlich dasVollkommenste darstcllt, sondern stufenweise Fortschritte verlangt.Vergiß nie, daß nur ein Thor das Gute verschmäht, weil ernicht das Beste haben kann. Mindere die Mängel, entwickeleras vorhandene Gute; verlange nicht die Ehre der That, sonderngewähre sie Andern: dies ist der Weg, auf welchem du allmäligzum Ziel gelangst, dasjenige in der Wirklichkeit darzustellen,wozu dich die Vorstellung des Vollkommenen beseelte.