114
werde. Denn- was ist in der Welt Geheimes verübt worden,das nicht durch das wunderbarste Zusammentreffen der Umständeendlich an das Tageslicht gezogen worden wäre?
O wie unsägliche und dennoch vergebliche Mühe gibt sich derMensch, um ungestraft schlecht sein zu können! Mit der Hälftedieser Anstrengungen, Aufopferungen und Selbstbeobachtungenhättest du edel, tugendhaft, geachtet und glücklich sein können!Wo ist deine Klugheit, an der du so großes Wohlgefallen hast?Verdient sie nicht den Namen der größten, und für dich verdrieß-lichsten Thorhcit?
Was der Mensch auch thue, und so fein er cs auch anstelle,seine schlechten Gesinnungen den Leuten hinter einer schönen Larveder Unschuld, Rechtlichkeit, Güte zu verbergen: er kann cs nichtverhindern, daß er nicht bald hier, bald dort, mit seiner Zwei-züngigkcit, mit seiner Prahlsucht, mit seiner vorgeblichen Tugend,mit seinem angenommenen Schein in Verlegenheiten komme. Undein einziger Augenblick der Angst und Beschämung, ist er dennder Kunst und Arbeit vieler Tage werth? Er kann cs nichtverhindern, daß nicht bald heute, bald morgen die Furcht seinHerz beschleiche, entdeckt, entlarvt zu werden; denn er kann essich nicht verhehlen, daß er nicht Meister ist über die Verhäng-nisse, welche wir Zufälle heißen. Er weiß cs, die Nacht ver-hehlt kein Geheimniß, und verräth das unter ihrem Schutz be-gangene Verbrechen dem Sonnenlichte. Er weiß es, der Stromspeit den Leichnam des Ermordeten wieder ans Ufer aus, daßihn die Menschen sehen; und die Hand eines Kindes reißt dasSiegel von tiefverborgenen Sachen, von denen der Witz desRichters nichts geahnt hatte. Wie, ist denn diese Unruhe einGlück, diese bange Besorgniß eine Seligkeit, der wir einen gutenTheil unserer Lebensstundcn und Lebensfreuden hinwerfen solltenzum Opfer? — Du willst edel und gut scheinen: warum willst