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Drum täusche niemals mich der Sibeiu,Nnd nie der Tugend Namen!
Gott sieht auf Werke nicht allein,
Er fragt, woher sic kamen.
Ich darf mich Deiner Huld nur fren'n,Gott, wenn mich Liebe dringet,lind wenn ans Liebe nur alleinMein Gutesthnn entspringet.
Unter vielen Christen herrschen sehr verworrene Vorstellungenvom Werth und Wesen besten, was man Tugend nennt. Sicsind dazu theils durch Mißverstand oder irriges und einseitigesAuSlcgen einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener biblischerSprüche verführt, theils durch Gewohnheit, Sagenhören, odernatürliche Leichtsinnigkeit.
Einige behaupten und sprechen: „Rechtschaffen handeln, nütz-lich sein, Jedem das Seine geben, das ist die beste Religion.Alles Uebrige ist Nebensache, und was man auch von Glaubenund Liebe viel vorsagt, ist Kopfhängerei und Frömmlcrwesen."
Dergleichen Aeußerungen hört man oft von übrigens achtungö-werthen, verständigen, rechtlichen Personen; und je mehr sie diesesLob in der That verdienen, je gefährlicher sind ihre Aeußerungenfür Andere, die nicht Kraft genug haben, das Falsche vom Wahrenzu unterscheiden.
Rechtschaffen handeln, nützlich sein, Jedem das Seine geben,ist allerdings löblich, weil cs nichts Böses ist; aber es ist keines-wegs der Beweis von der Güte des Gemüths. Auch ein schwa-cher, sogar schlechter Mensch kann Jedem das Seine geben,nützlich sein, und, was man rechtschaffen nennt, thun. Er kan»es aus bloßer Feigheit, aus bloßer Furcht vor der Strafe thun.Er kann eS aus bloßem Ehrgeiz, aus Eigennutz thun. Weraber möchte von solchem Menschen sagen, er sei tugendhaft, oderer habe die beste Religion? Wer möchte von einem solchen be-