57
Vom Lesen der heiligen Schrift.
Apost. Gesch. 8, 30.
Die Schriften Gottes still zu lesen,
Sei immerdar mir süße Pflicht;
Wie blind war' ich, allweises Wesen,
Verwiirf' ich Deinen Unterricht!
Nein, nein, mit cinfaltvoller SeeleErforsch' ich, Vater, die Befehle,
Die lauter Licht und Leben sind,
Mit Dank und Dcmuth, als Dein Lind.
„verstehest du auch, was du liesest?" fragte einst Phi-lippus der Apostel den Kämmerer der Königin Candaces, Laer diesem unterwegs im Wagen sitzend und den Propheten Je-saias lesend begegnete. Bescheiden gestand der königliche Käm-merer , daß er den Sinn der heiligen Worte des Propheten nichtbegreife. Da trat der Jünger Jesu zu ihm, und erklärte ihmdie Worte der Schrift.
Verstehst du auch, was du liesest? — So könnte manauch noch in unfern Tagen den Christen fragen, welcher, umsich zu erbauen, die Bücher der heiligen Schrift nimmt und sieliefet. Wer sic gedankenlos und aus Gewohnheit liefet, für denfind diese Bücher verschlossen. Wer sie mit Nachdenken liefet,und sie gründlich verstehen will, wird nur allzuoft Dunkelheitenentdecken, welche durch bloßes Neberlcgen und Errathen nicht auf-gehellt werden können. Er bedarf eines Freundes, eines Lehrers,der ihm den verborgenen Sinn aufschließe, wie es durch denApostel Philippus dem königlichen Kämmerer geschah.
Die heilige Schrift ist für den Christen das ehrwürdigste aller