Druckschrift 
10 (1851) Der Kerker von Edinburg
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

Kleidung von einer dunklen Farbe, zeigte die schlanke, leichte,wohlgebildete Gestalt im vortheilhaftesten Lichte.

Diese wachsenden Reize, dieser Jngendglanz hatte» den-noch nicht die Macht, den unerschütterten Sinn und die beharr-lichen Blicke des Lord Stummendeich von Jeanie abzuziehn,obgleich diese längst über die Jahre ihrer Blüthe hinaus war,und auch früher nie den körperlichen Reiz ihrer Schwester be-sessen. Jedes andre Auge jedoch, als das seinige, konnte diesesfrisch blühende Schönheitsbild nicht ohne Vergnügen betrach-ten. Der Reisende, schon der Stadt, dem Ziel seiner Bahnnahe, hielt sein Pferd an, die liebliche Gestalt anzuschauen,die mit ihrem Milcheimer auf dem Haupt so leicht und freiunter ihrer Bürde dahin schwebte, daß diese eine Zierde, nichtein Hinderniß für sie schien. Die Jünglinge der benachbartenVorstadt, die Abends zu jugendlichen Spielen und Belustigun-gen heraus in's Freie kamen, lauerten auf Effie's Schritte,und stritten mit einander um den Vorzug, von ihr bemerktzu werden. Man nannte sie die Lilie von St. Lconard's, einName, den sie eben sowohl wegen ihrer Unschuld, als wegender ungemeinen Lieblichkeit ihres ganzen Wesens verdiente.

Doch war Einiges in Effie's Gemüthsart, das nicht alleinden streng urtheilenden David Deans, sondern auch die nach-sichtigere Schwester ihretwegen besorgt machte. Effie war einwenig verdorben durch die Erziehung. Des alten Mannesspät geborne Tochter, sein Schooßkindchen, hielt er sie nochlange als ein Kind, nachdem sie schon ganz herangewachscnwar, und ließ sie als ein solches gewähren. Ihre Schwesterhatte bei aller Liebe und Sorgfalt einer Mutter doch nichtdie Gewalt einer Mutter über sie, und je älter Effie ward,um so mehr glaubte sie sich berechtigt, nach ihrem eigenenWillen zu handeln. Denn bei all ihrer Unschuld und Gutmü-