198
warfen. Zu einer andern Zeit würde dieser Anblick auf die Ein-bildungskraft Minna's mächtig gewirkt, und wenigstens dieNeugierde ihrer weniger reizbaren Schwester erregt haben; indiesem Augenblicke aber ginge» für Beide die Eindrücke verloren,welche dieses wunderbare Denkmal auf die Gefühle aller Dererhervorbringen muß, die cs betrachten; denn sle sahen auf demuntern See, unterhalb der sogenannten Brücke von Broisgarein wohlbemanntcs und bewaffnetes Boot, welches Einen vonseiner Bemannung gelandet hatte, der, allein, und in einenSchiffsmantcl gehüllt, sich dem Kreise der Denksteine näherte,ans den sie selbst von der andern Seite zugingen.
„Es sind ihrer Mehrere, und sie sind bewaffnet," flüstertedie erschreckte Brenda ihrer Schwester zu.
„Dieß geschieht der Vorsicht wegen," antwortete Minna,„die, leider! ihre Lage so nöthig machte. Fürchte,keinen Verrathvon Ihm — dieser wenigstens gehört nicht zu seinen Lastern."
Während sie dieß sprach, oder gleich darauf, erreichten siedie Mitte des Kreises, in welchem zwischen den hohen, aufrecht-stehenden Säulen von Stein, ein flacher liegt, von kurzen stei-nernen Pfeiler» getragen, von denen mau noch einige Ueber-bleibsel bemerkt, die vielleicht einst zu einem Altar dienten.
„Hier," sagte sie, „brachten (wenn wir den Legende» glau-ben dürfen, ein Glaube der mir nur zu theuer zu stehen gekom-men ist) unsere Vorfahren den heidnische» Gottheiten ihr Opferdar, — hier will auch ich, von ganzer Seele, den leeren Träumen,welche meine jugendliche Einbildungskraft irre geleitet haben, ent-sagen, sie beschwören, und sie einem besseren und barmherzigerenGotte, als der ist, den Jene kannten, znm Opfer darbringen."
Sie stand neben der liegenden Steinplatte, und sah Cleve-land auf sich zukommen, mit furchtsamem Schritte und nieder-geschlagenem Blicke, der sich eben so sehr von seinem gewöhnlichen