Druckschrift 
3 (1851) Der Pirat
Entstehung
Seite
159
Einzelbild herunterladen
 

15N

Abschied von den Schwestern. Minna, deren Herz gegen ihnjetzt viel weicher gestimmt war, empfing sein Lebewohl nicht ohneTheilnahme, Brenda's Antheil aber ward in ihrem wohlwol-lenden Ansdrucke und in der Thräne, die in ihr Auge trat, sosichtbar, daß er sogar der Aufmerksamkeit des UdallarS nichtentging, der halb unwillig ausrief:Nun ja, Mädchen, dasmag ganz recht sein, denn er war ein alter Bekannter; ichwill aber nicht, daß er es bleiben soll!"

Mcrtvun, der das Zimmer langsamen Schrittes verließ,hörte Liese schimpfliche Bemerkung noch halb, und war im Be-griff, umzukehren, um sie zu ahnden. Allein sein Vorsatz wardihm leid, als er Brenda zu ihrem Taschentnche greife» sah, umihre Bewegung zu verbergen, und das Gefühl, daß diese Auf-regung durch seine Abreise erregt würde, verscheuchte jeden Ge-danken an ihres Vaters Unfreundlichkeit. Er entfernte sich; dieübrige» Gäste folgten seinem Beispiele, und mehrere derselben,wie Cleveland und er selbst, nahmen schon jetzt Abschied, inder Absicht, ihre Heimreise am folgenden Morgen anzutreten.

Wenn der gegenseitige Kummer Minna's und Brenda's auchdie Zurückhaltung, welche zwischen den Schwestern entstandenwar, nicht ganz zu beseitigen vermochte, so schmolz er in dieserNacht doch wenigstens alle Kälte und Unfreundlichkeit. Sievergossen Thränen indem sie sich umarmten, und wenn auchkeine von ihnen sprach, so war doch jede der andern thenrer,weil Beide fühlten, daß der Kummer, welcher diese Tropfenhervorlockte, eine gemeinsame Quelle hatte.

Es ist möglich, daß Minna's Herz der Kummer tiefer er-griffen hatte, wenn auch Brenda's Thränen reichlicher flößen;denn lange, nachdem die Jüngere sich schon, wie ein Kind,an ihrer Schwester Busen in den Schlaf geweint hatte, lagMinna noch wachend, die unbestimmte Dämmerung beobachtend,