209
Der Stadtvoigt strebte, eine Antwort hervorzubringen, ver-muthlich mit irgend einem moralischen Gemeinspruche verbunden;allein der ruhige und traurige Ernst ihres Gesichtes brachte den Be-amten mit seiner förmlichen Wichtigkeit ganz aus der Fassung. Erhustete, räusperte sich, bückte sich und — schwieg. „Für Euch,Fremdling," sprach sie zu mir, Hab'ich ein Andenken von" —
„Helene!" siel Mac-Gregor mit lauter und ernster Stimmeein, „was soll das heißen? Hast Du den Befehl vergessen?"
„Mac-Gregor," erwiderte sie, „ich habe nichts vergessen, des-sen ich mich erinnern soll. Hände, wie diese," fuhr sie fort, undstreckte ihre langen nervigen, nackten Arme aus, „passen nicht dazu,Liebeszeichen zu überliefern, wenn die Gabe nicht mit Jammer ver-bunden ist. Junger Mann," sagte sie dann, indem sie mir einenRing gab, den ich als einen der wenigen Gegenstände des Schmuckeserkannte, welche Diana zuweilen trug, „dies kommt von Einer,die Ihr nie wieder sehen werdet. Ist es ein freudenloses Andenken,so paßt es gut dazu, durch die Hände derjenigen zu gehen, die niemehr Freude kennen wird. Ihre letzten Worte waren: „Er magmich für immer vergessen."
„Und kann sie das für möglich halten?" riefich aus, mir mei-ner Worte kaum bewußt.
„Alles kann vergessen werden," entgegnete das seltene Weib —„Alles — nur nicht das Gefühl der Schande und das Verlangen derRache."
„Ausgespielt!" rief Mac-Gregor, vor Ungeduld mit demFuße stampfend. Die Sackpfeifcn ertönten, und ihre trillernden,schnarrenden Klänge machten der Unterhaltung ein Ende. Wirnahmen mit stummen Geberden von unserer Wirthin Abschied, undich entfernte mich mit einem neuen Beweise, daß mich Diana liebte,und auf immer von mir getrennt war.
Robin der Rothc. II.
14