Druckschrift 
2 (1851) Robin der Rothe
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22

Ich erstaunte über meine Einfalt. Die Stimme, selbst dieZüge dieses Mannes, so undeutlich ich sie auch sah, hatten wäh-rend der ganzen Nacht in mir dunkle Erinnerungen erregt, denenich jedoch keine nähern örtlichen oder persönlichen Beziehungen zugeben wußte. Jetzt aber wurde es mir aus einmal klar dieserMann war Campbell selbst. Seine ganze Eigcnthümlichkcit stelltesich mir dar, die tiefe, starke Stimme, die unbiegsamen, strengen,doch klugen Züge, die schottische Aussprache, mit ihrer Mundartund ihren Bildern, die er zwar zuweilen verläugnen konnte, dieaber in jedem Augenblicke heftiger Erregung zurückkehrte, und sei-nem Spotte Kraft, seinen Vorstellungen Lebhaftigkeit gab. SeinWuchs war mehr unter als über Mittelgröße, und sein Gliederbauso kräftig, als dies möglich war, ohne der Behendigkeit Abbruch zuthun, die er, nach der besondern Leichtigkeit und Freiheit seiner Be-wegungen zu urtheilen, im hohen Grade besaß. Durch Zweierleiwurde indeß das Ebcnmaaß seiner Gestalt gestört - seine Schulternwaren zu breit im Verhältniß zu seiner Größe, und seine Arme, ob-wohl rund, nervig und stark, solang, daß sie ihn beinahe entstell-ten. Ich erfuhr hernach, daß er sich auf diese Länge der Armeerwas einbildete; er konnte, wenn er sein hochländisches Gewandtrug, ohne sich zu bücken, die Strumpfbänder binden, und beidem Gebrauche des Schwertes, das er sehr geschickt zu führenwußte, gewann er durch diese Mißgestalt einen großen Vortheil.Ohne diesen Mangel an Ebcnmaaß hätte er für einen sehr schönenMann gelten können, aber er erhielt dadurch etwas Wildes, Unre-gelmäßiges und gleichsam Unirdisches, und erinnerte mich unwill-kührlich an die Mährchcn meiner Wärterin von den alten Pikten,welche in der Vorzeit Northumberland verwüsteten, nach ihrenSagen halb Poltergeist, halb Menschen waren, und sich, wie die-ser Hochländer, durch Muth, List, Wildheit, lange Arme undbreite Schultern auszeichneten.