Einleitung.
XVII
glück nothwendig, nach Wie» zu gehn. „Als ich Brokcs meine Lageeröffncte, besann er sich nicht einen Augenblick, mir zu folgen. Ersollte schon damals ein Amt annehmen (am mecklenburgischen Hofe,welches die Eltern seines Pfleglings ihm verschafften), hing innigan seiner Schwester und sie noch inniger an ihm. Es ist eine trau-rige Gewißheit, daß diese plötzliche gehcimnißvolle Abreise ihres Bru-ders und das Gefühl, nun von ihrem einzigen Freunde verlassen zusein, einzig und allein das arme Weib bewogen hat, sich einen Gat-ten zu wählen, mit dem sie jetzt nicht recht glücklich ist. Um mirden Berdacht zu ersparen, als sei ich der eigentliche Zweck der Reise,und als hätte ich ihn nur bewogen, mir zu folgen, gab er bei sei-ner Familie der ganzen Reise den Anstrich, als geschehe sie um sei-netwillen. Er selbst hat nur ein kleines Capital, von mir wollteer sich die Kosten der Reise nicht vergüten lassen, er opferte 600 Tha-ler von seinem eignen Vermögen, mir zu folgen." — Was Kleistin Wien wollte, ist nicht ersichtlich; er scheint auch garnicht bis da-hin gekommen zu sein, wenigstens halten sich die beiden während desSeptember und October 1800 in Würzburg auf, in specnlativemMüßiggang, im November finden wir sie wieder in Berlin, bisBrokcs Januar 1801 sein Amt in Mecklenburg antritt.
Kleists Briefe an seine Braut sind in dieser Zeit so nüchtern,lehrhaft und doctrinär, daß man an der Wahrheit seiner Liebe zwei-feln möchte, wenn man nicht zweierlei in Anschlag bringt: seinenangcbornen pädagogischen Trieb nnd seine Uebcrzeugung, das höchsteGlück des Menschen sei die Bildung. Dieses Glücks wollte er dennauch die Geliebte theilhaflig machen. Wenn er sich über seine neuangelernte Philosophie, namentlich den kategorischen Imperativ, mitüberflüssigem Selbstgefühl ausspricht, wenn er über die Pflicht nndBestimmung des Weibes als ein wahrer Pedant räsonnirt, so giebter sich unendliche Mühe, der Freundin faßlich zu werden; sic ist ihmeigentlich nur der Zweite, der zur dialektischen Entwicklung seine»H. o. Kleists Werke. I. Bd. b