Einlei t u n 9.
^»ch habe eS unternommen, die Geschichte der deutschen Dichtung vonder Zeit ihres ersten Entstehens bis zu dem Punkte zu erzählen, wo sienach mannichfaltigcn Schicksalen sich dem allgemeinsten und reinstenCharakter der Poesie, und aller Kunst überhaupt, am meisten undbestimmtesten näherte. Ich mußte ihre Anfänge in Zeiten anfsnchcn, answelchen kaum vernehmbare Spuren ihres Daseins übrig geblieben sind;ich mußte sie auf anderen Stufen verfolgen, wo sic bald in dem Jochedes MönchthnmS lag, bald unter der Pflege deS einseitig gebilveten Rit-terthnmS gefährliche Richtungen einschlug, bald von dem heimischenGcwerbstand in Fesseln gelegt, oder von cindringenden Fremdlingenbeherrscht ward, bis sie von allgemeinerer Aufklärung unterstützt sich inMäßigung frei rang, ihr eigener Herr ward und schnell die zuletzt ge-tragene Unterwerfung mit rächenden Eroberungen vergalt. WelcheSchicksale sie litt, welche Hemmungen ihr entgegentraten, wie sie dieEinen ertrug, die Anderen überwand, wie sie innerlich erstarkte, waS sieäußerlich förderte, was ihr endlich cigenthümlichen Werth, Anerkennungund Herrschaft erwarb, soll ein einziges Gemälde anschaulich zu machenversuchen.
Wenn dieser Versuch vielleicht mehr einem bloßen Entwürfe ähnlichsieht, als einem ausgeführten Bilde, so nrtheilt wohl jeder darüber scho-nend, der da weiß, wie unendlich schwer diese Aufgabe zu lösen ist, seinun von Auffassung oder Darstellung oder auch nur von der bloßenSichtung des Stoffes die Rede. Denn wie sollte in einem Gegenstände,der die vielfältigsten Erzeugnisse der verschiedensten Zeiten in sich befaßt,der, wenn er irgend erschöpft werden sollte, eine unermeßliche Belesen-heit auf dem vaterländischen und den fremden Gebieten der Dichtkunst,
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