Calvin schwieg einen Augenblick, dann faßte er die Hand des Priesters; —„icb danke," sprach er, „es ist zu spät!"
Während dieses Gespräches wurden Calvin's Papiere durchsuchtund diejenigen hinweggenommcn, welche seine Freunde in Verlegenbeitsetzen konnten.
Calvin fand eine Zufluchtsstätte bei der Königin von Navarra,welche sich glücklich schätzte, ihren Schützling wieder mit der Universitätund dem Hofe auszusöhnen. Der Vermittler, welchen sic wählte,wußte die öffentliche Gewalt zu hintcrgehen. Calvin vertrat eine
Ansicht, welche der König schonen zu müssen glaubte. Franz I.begründete seinen Ruhm durch die Gunst, welche er den Künsten ge-währte. Er hatte große politische Fehler, die er begangen, gut zumachen, und glaubte jetzt mit Recht, daß die Gelehrten ihn in denAugen des Volkes wieder zum Ansehen bringen könnten. Cr warzugleich der Beschützer und Sclavc der Gelehrten und Schriftsteller.
Der kleine Hof von Ncrac war damals der Zufluchtsort derSchriftsteller, welche lücr, wie Dcsperriers, ihr „(Zmlmlmu muiuli"stimmten; hier versammelten sich die galanten Frauen, welche erotischeErzählungen schrieben, deren Heldinnen sic oft waren; hier lebtenDichter, welche Lieder sangen, wie Beza; Theologen, welche über dieJungfrau Maria und die Heiligen spotteten; Bischöfe, welche sich vonJagdhunden und Buhlerinncu unterhielten; Castraten aus Italien,welche aus dem Theater der Königin Comödien spielten, deren Stoffaus dein neuen Testamente genommen war, in denen Jesus ChristusMönche und Religiösen ein schreckliches llebcl nannte; da lebten blöd-sinnige Fürsten, die wie der Mann der Königin, kaum lesen konnten,aber über Glaubenssätze und Kirchcndisciplin sprachen. GegenRoussel, den Beichtvater der Königin Margarecha schrieb Calvin späterseine Schrift: „.Vckvormis >ico(Iemilu8." In Nerae traf Calvin leFevre d'Etaplcs, welcher vor dem Zorne der Sorbonne floh, und denjungen Mann so gerne sah, von dem er weissagte, er werde der Ur-heber der französischen Kirchcnrcstauration; 'Z gerate so, wie demkranken Luther, nach Mathcsius Zeugniß, ein alter Priester gesagthatte, er werde nicht sterben, sondern noch ein großer Mann werden.
Le Fevre d'Etaplcs war übrigens ein armer, rechtschaffener Mann, deroft die Verse im Munde führte, die man in Ncrac aus sein Grab setzte:
1) I'Ioriiiloncl cl»; ir-wiilon-i, ,>.
2) Höre, Vie civ <Hn.
3) Matkcsilw. S. v.