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Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter : für Schule, Haus und Wanderschaft
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4 S ü d e r s e e.

Und winkt ihren Knechten und läßt erbarmungslosDie Gottesgabe senken in tiefer Fluten Schoß;

Die Menge must cs schauen, die stumm die Hände rang.

Da rief der alte Schiffer, der sich nicht länger bezwang,

Laut rief ers vor dem Volke der Frau in's Angesicht:

„Nein, wahrlich ungeahndet bleibt diese Bosheit nicht.

Wenn noch das Gute lohnet, das Böse straft ein Gott,

So wird einst schwer gerochen an euch der frevelnde Spott.

„So wird ein Tag erscheinen, wo ihr die Körner gern,

Die edsln, von den Straßen aufläset, Kern um Kern,

Den Hunger nur zu stillen; doch Niemand gönnt euch sie.'"

Sie sprach mit Hohngelächter: „Mein Freund, der Tag erscheinet nie.

„Stavorens reichster Erbin gebrächs an Brote je?

Sieh diesen Ring, den goldnen, ich werf ihn in die See:

Wenn ich den wiederschauc, so mag auch das geschehn."

Sie sollt am selben Abend den Ring erschrocken Wiedersehn:

Der Koch hatt ihn gefunden in eines Fisches Bauch.

Eh' sie sich niederlegte, kam ihr die Botschaft auch:

Die Flotte sei gestrandet, die sie nach Morgenland —

Und so ergiengs der andern, die sie gen Abend gesandt.

Die Türken und die Mohren auch schadeten ihr viel,

Wie wider sie verschworen; ein reiches Kaufhaus fiel,

Das zog sie mit hinunter; und so kam Post auf Post —

Kein Jahr vergieng, so litt sie schon Noth durch Hunger und Frost.

Sie gicng von Thür zu Thüren und heischt' ein Stückchen Brot;

So schrecklich ward erfüllet was ihr der Greis gedroht.

Von Niemand betrauert, von Vielen arg verhöhnt,

Auf Stroh hat sie endlich das arme Leben verstöhnt.

Fort schwelgte noch Stavoren in sündlich eitler Pracht,

Denn Reichthum ward auf Schiffen noch täglich eingebracht;

Das Beispiel warnte Niemand: da wuchs der Buße SaatDer ganzen Stadt erschrecklich aus jener Jungfrau Frevelthat.