Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
436
Einzelbild herunterladen
 

436

Nach dem Besuche des Theaters.

Da ich die Muse nirgends finden konnte, fand ich endlichein ihr eigens gebautes Haus, das Theater, wo sie Abends beiangesteckten Lichtern unter Begleitung vieler musikalischen Instru-mente um geringes Geld einer Menge Menschen, die sich dasPublikum nannten, gezeigt werden sollte. Ich begab mich nichtohne einiges Mißtrauen hinein, und fand hier nichts als einenMarkt niedriger Lust, eine Börse platter Meinungen, einenNachtisch übel oder übermäßig genossenen Mittagsmahles. Damein Gesicht schwach ist, konnte ich mich nicht sehr an demAnblicke der Schauspieler erfreuen oder ärgern, und meine Ohrenwaren nur allein ausgesetzt. Ich horte daher, daß die Meistenunmenschlich logen, gottlos windbeutelten, dumm rasten; siedeklamirten einzeln ganz gut, nur paßte es gar nicht zu denWorten, die sie sagten, es war als hätten sie sich zu ihrem Textin den Noten vergriffen. Einzelne aber deklamirten so, daß eswirklich unmöglich ist in der ganzen Weite menschlichen LebensSituation und Worte für solche Betonung zu finden; diesegefielen am meisten. So sehr nun matte Kritiker sich in derRüge dieses unvcrstehenden Wohlgefallens am Falschen selbstWohlgefallen, so machte mir doch dieser Mißgriff des Urtheilsallein Freude, indem es die modernen Theatcrdircctoren wider-legt, welche sich ihre eigene Bornirthcit dadurch verstecken wollen,daß sie behaupten und auf alle Weise das Publikum zu überredensuchen, es habe kein anderes Bedürfniß, als die Gemeinheit sogentein zu sehen, als sie sie ihm zeigen können. Wäre dieswirklich der Fall, wie könnte das Publikum, wie es doch überall