Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
154
Einzelbild herunterladen
 

134

Was in guten Grund gefallen,

Lasse fruchtend überwallen,

Daß der Weizen dreißigfältig,

Sechszigfältig, hundertfältigAlles Unkraut überwältig',

Das der Feind hineingesäet.

Schnell, o schnell, es ist schon spät!

Ringlein, Ringlein dreh dich um,

Fruchte schnell, ich bitt' dich drum!"

Kaum hatte ich, den Ring drehend, diesen Wunsch aus-gesprochen und mitleidig nach dem Knaben hingeschaut, als ichetwas gar Rührendes sah. Er blickte mich, ohne den Kopf zuheben, mit stillem Dank an. Thränenströme rannen von seinenAugen auf die Garbe unter seinem Haupte nieder, und alle dieThränen waren Weizenkörnlein, und die Garbe wuchs und mehrtesich. Und als ob sie mit dem Knaben weine, gössen sich aus ihrenAehren hundertfältige Weizenkörnlein nieder und aus allen Blät-tern des Buches rannen Fruchtkörner heraus, und mein Herz warso bewegt, daß auch ich auf einer Garbe sitzend gar reich undmildiglich weinte, und Verena, die neben mir betend kniete, weinteauch. Und alle unsere Thränen waren Weizenkörner, und siekeimten und schössen schnell auf in reichen, goldenen Aehren undfüllten die Grube und den Getreidekästen, und umgaben denThronstuhl und das Kindcrstühlchen und den Knaben und Verenaund mich. Und alle Aehren wehten durcheinander und Keines sahdas Andere mehr; denn Alles war nun Eines. Der Schnitteraber nahte immer mehr und konnte kaum Alles schneiden, wasaufschoß; es wuchs ihm unter der Sense empor. Während demAllem flocht ich am Erndtekranz aus vielen Blumen und stimmte.in das Lied des Schnitters ein: