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Jede Übersetzung ist nur eine Annäherung an die Urschrift;je größer die Annäherung, desto gelungener die Uebertragung.Man kann aber ein Schriftwerk in allen Theilen, in Wort undSatz, im Periodenbau, im Versmaße der Urschrift genau wieder-geben, und doch ist die Uebersetzung darum noch keine gelungene.Damit sie das sei, muß auch der Geist der Urschrift in seinervollen Klarheit, in Form und Farbe, in Sprache und CharakterHindurchbrechen; die Uebertragung muß uns so entgegentreten, wiewenn der Urheber sie in voller Beherrschung des Wortes unddes Geistes der nachbildenden Sprache selbst übertragen hätte.
Volle, freie Beherrschung der Form, und die Fähigkeit, sich inden Geist des nachzubildenden Werkes ganz zu versetzen, das sindForderungen, die an den Uebersetzer wie an den nachbildenden Künst-ler mit unnachsichtlicher Strenge gestellt werden. Der Uebersetzermuß den Gedanken des klassischen Werkes oder des Werkes derKunst nicht blos Nachdenken und begreifen, er muß ihn auch lebendignachempfinden. Nur Gleiches wird von Gleichem angezogen, undkeinen Geist versteht man außer dem verwandten; das will sagen,die Seele des Menschen kann sich nur insofern in eine andere ver-setzen, als sie ihre eigene Natur darin wiederfindet; wo diese fehlt,wird sie nicht angezogen, sondern abgestoßen. Damit aber, woalles dieses vorhanden ist, das Werk mit neuem, urkräftigem Be-hagen aus der Seele neugestaltet Hervorbreche, muß der nachbil-dende Künstler mit der unbefangenen Bildsamkeit, mit der Begei-sterung und Bewunderung des jugendlichen Alters sich in seinenGegenstand versenken und ihm sich ganz und ungetheilt hingeben.Diese künstlerische Verehrung und kindliche Andacht ist um so rei-zender, je weniger sie um sich selbst weiß, sie breitet über dieNachbildung einen Zauber aus, der nur aus ursprünglicher Ur-sprünglichkeit entsteht und durch keine Künstlichkeit erreicht wird.
Diesem Geiste künstlerischer, freier Hingabe und reiner Andachtist die' erstaunenswerthe Ausdauer entsprungen, welche auf alleTheile unserer Nachbildung des großen und ausgedehnten Werkesden gleichen Fleiß, die gleiche Liebe, dieselbe Frische ausbreitet.