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Dem Scheine nach ist die Erklärung der oberen Hälfte unseres-Bildes leichter, in der That nicht. Diese Schwierigkeit liegt inder metaphysischen Natur des Gegenstandes selbst, dem sich diekünstlerische Darstellung wie das erklärende Wort nur von Fernenahen kann.
Wie in unserem, so hat Raffael auch auf anderen Bildern Himmelund Erde mit einander verbunden, wie in der Madonna Sixtina,in der Madonna von Foligno, vornehmlich in der Transfiguration.Bei dem letzteren Bilde kommt die Kritik immer wieder auf dieBehauptung zurück, es fehle diesem Bilde die Einheit. Untenerblicke man ans diesem Bilde einen vom Teufel besessenen Jüng-ling, welcher Schrecken unter Allen verbreitet, die ihn umgeben^und oben sehe man den Heiland, der verklärt znm Himmel auf-fahre; Dinge, die sich künstlerisch nicht vereinigen ließen. Um denEinwendungen zu entgehen, hat man den untern Thcil dieses Bildesfür eine Episode des oberen erklärtH. Allein dieser Theil des Bildesist so wenig Episode, als der Schatten auf einem Bilde die Episodedes Lichtes ist. Raffael hat auf diesem Bilde die Transfigurationdargcstcllt. Was aber ist die Transfiguration, die Verklärung?Es ist die Befreiung von allen irdischen Banden und Fesseln, esist der vollendete Sieg über die Natur und ihre Mängel und ihreSchwachheiten, es ist der Triumph über die Macht des Bösen,in dessen Banden die Welt gefesselt lag. In diesen Banden istder Mensch von Natur befangen, er wird davon erlöst durch Chri-stum, der in unserem Bilde als Sieger über Tod und Hölle, miteinem verklärten Leibe, d. i. einem Leibe, der nicht an die Gesetzeder Zeit und des Raumes gebunden, der Verwesung nicht unter-worfen ist, gegen Himmel aufgcsahren ist. Das Gegentheil tritt
>) S. Morgenstern über Raffael Sanzio's Verklärung. Dorpat l622.