in's Auge fassen, und man wird gewahr werden, daß der Künstlerder ganzen Gruppe einen feinen Zug orientalischer Gesichtsbildung,als Ausdruck ihrer Weisheit, aufzuprägen verstanden hat.
In der Hauptfigur dieser Gruppe, dem Manne mit dem auf-geschlagenen Buche ("), hat man das Bild des Bramante erkennenwollen. Bramante wird aber auf dem Bilde, welches die Schulevon Athen vorstellt, abgebildet, und wie Vasari sagt, so vortrefflich,als wenn er lebte H. Wir fragen nun, wer unter diesem Bildevorgestellt sei, und den Weg zur Beantwortung dieser Frage hatuns die vorhergehende Deutung gezeigt. Wenn man sagt, Raffaelhabe in dieser Figur einen Arzt, einen italienischen Arzt dargestellt,so wird der Ausdruck der Physiognomie, Haltung, Gewandung demnicht widersprechen. Nun stand an der Spitze der platonischenSchule, der Pflegerin jener Weisheit, welche Picus von Mirandulaverläßt, Marsilius Ficinus, Vorsteher der platonischen Akademiezu Florenz und zu gleicher Zeit ausübender Medicus. Er hattedie Schriften Platon's, die Schriften der Neuplatoniker Plotinus,Jamblichus und Proclus übersetzt. Wir erkeunen in ihm einenMann von Fleiß, von mannigfachem Wissen; aber seine Schriftenwie sein Gesicht aus unserem Bilde, offenbaren weder sublimenVerstand noch durchdringenden Geist; sein Kopf war mit denTräumereien der Neuplatoniker und der Kabbalisten angefüllt.Kann man sich wundern, daß er erstaunt ist über den Entschlußdes Picus von Mirandula, und daß er, auf das Lebhafteste dadurcherregt, die Richtigkeit seiner Lehre aus seinem Buche, dem Platon,nachwcis't?
Marsilius Ficinus starb 1499, in einem Alter von 63 Jahren,ein Alter, welches seinem Bilde entspricht.
Die Art philosophischer Weisheit, welcher man sich mit solchemEnthusiasmus in Italien ergeben hatte, breitete sich über die Gren-zen Italiens aus. Reuchlin, aus Pforzheim (1455—1522), vonMarsilius Ficinus und Picus von Mirandula in die neuplatonische
>) Vasari, lom. VIII. x. 46: vgl. VII. x. 204 den römischen Herausgeber.