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Völker lernen von Völkern, eine Wissenschaft wird durch eineandere verwandte gefördert, und eben so lernt der Maler vomBildhauer, der Bildhauer vom Maler. Die Malerei der Alten istplastisch, die Plastik der Neueren ist malerisch, und selbst die Poesieder Alten trägt nach der Beobachtung eines berühmten Schrift-stellers und feinen Kunstrichters den Charakter des Plastischen,während der neueren Dichtkunst mehr der Charakter des Malerischeneigen istZ. Bei den Alten bildete sich die Malerei später als diePlastik, bei den Neueren die Plastik später als die Malerei.
Die Malerei ist der Plastik in manchen Stücken überlegen, indem Mittel, die vollendete Form darzustellen, steht sie ihr nach.Sie muß aber nach dieser Vollendung streben, den ungleichen Kampfmit der Plastik nicht fliehen, sondern sich, ohne jedoch das Bewußt-sein je zu verlieren von der Grenze, welche die Malerei ewig vonder Plastik scheidet, im kühnen Wettstreit üben und nach demZiele ringen. Wir haben eben die Gründe bezeichnet, aus denenman die mangelhafte Form der mittelalterlichen Malerei begreift;hier tritt zu den aufgezählten ein neuer Grund hinzu. Jener Kunstmangelte die Anschauung der Plastik, durch welche sie hätte aufge-fordert werden müssen, auch in der Form nach jener Vollendung zustreben, welche dem Geiste des Bildes vollkommen entsprochen hätte.Denn körperliche Schönheit beeinträchtigt den Ausdruck des höherenLebens nicht; beide vereint geben das vollkommen schöne Kunstwerk.Dagegen legt die Religion keinen Widerspruch ein; sie lehrt, derMensch werde auferstehen und werde mit einem verklärten Leibe, miteinem Leibe ohne Mängel und Gebrechen umkleidet werden!
Die christliche Skulptur übte sich zuerst an den Sarkophagenund an den Grabmälern der alten Christen, sie schuf hier dieWerke ihrer Kindheit, bis Nicola Pisano, der in Ansehung seinesGeistes, Stiles, Natursinnes in seiner Zeit, in der Mitte des drei-zehnten Jahrhunderts, einsam dastand?), den Stein von Neuem
A. W. von Schlegel, Vorlesungen über dramatische Literatur und Kunst,r) von Rumohr, ital. Forschungen, I., 272.