Druckschrift 
Raffaels Disputa
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

In allen dreien Künsten, wie sie den drei Prinzipien vonGeist, Seele und Körper entsprechen, in der Malerei, Musikund Skulptur, nebst der Architektur und der Plastik, herrschtdie dreifache Form oder Art des Schönen: das Erhabene,Schöne und Reizende; aber in jeder dieser drei Künste auf ver-schiedene Weise, nach dem im Charakter jeder Kunst vorherrschendenPrinzipe. In der Musik ist es das Erhabene der Seele, oder desGefühls und der Gesinnung, was diese Kunst ausdrückt, so wieauch die Anmuth der Gefühle oder der Seele. In der Malereiist es das geistig Erhabene und auch das geistig Schöne und geistigReizende oder Anmuthige, was sie sucht und ausdrückt; in der Plastikaber ist es das materiell Erhabene, wie in den Riesenbauwerkender Baukunst, oder auch die materielle Anmuth. Die Anmuth aber,oder das Reizende eignet zunächst der Sinnlichkeit oder dem Leben,wie das Schöne der Seele und das Erhabene dem Geiste.

Wenn nun in dem klassischen Alterthnm die Plastik vor derMalerei vorherrscht, wie in der christlichen Welt die Malerei vorder Plastik, so findet diese Erscheinung hier in ihrer Wurzel schonihre Erklärung. Die christliche Malerei uralt Geist und Leben,die höchsten Empfindungen und Verzückungen der Seele, und siebesitzt Mittel, diese Zustände zum Ausdrucke zu bringen, auf welchedie Plastik verzichten muß. Die Skulptur hat den materiellen,siderischen Körper,zum Gegenstände: das Irdische,körperliche Schönheit, die Götter des Heidenthums ist ihr Vorwurf.Sie fand daher in der heidnischen Religion, in welcher die Götterin leiblicher Gestalt dargestellt werden, das glücklichste Ziel ihrerEntfaltung. Aus den heidnischen Tempeln war die Malerei nichtausgeschlossen; aber bei Weitem den ersten Platz darin nahmen dieWerke der Plastik ein. Es giebt aber bei alle dem eine christliche