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Die christliche Religion, welche Himmel und Erde umfaßt, undHimmel und Erde durch unlösliche Baude des Geistes und der Gnademit einander verknüpft, umfaßt den ganzen Menschen, nach allenseinen Kräften, nach allen seinen Empfindungein Jeder Gedankefindet in ihrem Lichte seinen eigenthümlichen Ausdruck, jedes Ge-fühl des Herzens erhält von ihr Anregung, Sprache und Form;sie verbreitet ein neues ungeahntes Licht über die Erde mit allem,was darin enthalten ist. Eine solche Religion, die den ganzenMenschen umfaßt, konnte die Kunst nicht abweisen, sie mußte sichvielmehr aus ihrem inneren Wesen entwickeln, sobald die äußerenHindernisse den Raum dazu nicht mehr verschränkten. Freilichmußte sie eine Kunst ablehnen, welche nicht auf ihrem Boden ge-wachsen war, welche einer Macht entsprossen, die ihrem Wesenwidersprach und feindlich entgegengesetzt war;, diese neue, inner-liche, sittlich-sanftmüthige Lehre mußte jene äußere kräftig-sinnlicheKunst des Alterthnms abweisen, und ihre Werke, wo nicht zer-stören, doch entfernen, und in dem Geschichtlichen dieser Religionlag ein so vielfacher, ja so unendlicher Sinn, als in keiner an-deren. Daß dieser gleichsam, selbst ohne Wollen und Znthun derneuen Bekenner, anfgehen würde, lag in der Natur Z.
Ehe der Baum Blüthen und Früchte trägt, müssen seine Wur-zeln die harte Erde durchbrechen und sich ausbreiten, sein Stammmuß im Wind und Wetter, in Sturm und Ungewitter erstarken;seine Aeste, Zweige und Blätter müssen sich im freien Aether ans-breiten und im Freien den Feuerstrahl des Himmels empfangen.„Es ist Grundsatz des christlichen wie alles organischen Lebens,daß es sich von Innen nach Außen durchbilde, daß das Wort imGrunde des Lebens empfangen werde und wachse. Wenn es aberden inneren Menschen nmgebildct hat, dann wirkt es äußerlich underobert alle Gebiete menschlicher Thätigkeit, des schaffenden wiedes darstellenden Geistes. Die erste Kirche mußte sich die gött-lichen Dinge zu eigen machen, bevor man sie zeigen, man mußte
U Goethe, Kunst und Alterthum, I. 138.