Der Mensch gleicht dem Spiegel, welcher mitten in die Naturhineingestcllt ist; die unwandelbaren Gesetze, wie die flüchtigen Er-scheinungen in ihren unendlich mannigfaltigen Gestaltungen, spiegelnihre Bilder in seiner Seele ab. In ununterbrochenem, ewig neuemWechsel folgen Wahrnehmungen auf Wahrnehmungen, Vorstellungenauf Vorstellungen, Bilder auf Bilder; eines treibt das andere,eines wird von dem anderen verdunkelt, abgeschwächt, zerstört undvernichtet. Aber kaum babcn sich die ersten Anfänge, die erstenKeime des Nachdenkens in dem menschlichen Geiste entwickelt, kaumist er zur Selbstbctrachtung und zum Selbstbewußtsein gekommen,so erwacht in ihm das Streben, und sinnt er auf künstliche Mittel,das Fliehende zu fesseln, das Entschwundene zurückznrufen, Ver-gangenes und Entferntes sich zu vergegenwärtigen. Hier ist derAnfang der Kunst.
Sich selbst will der Mensch in dem unendlichen Wechsel derErscheinungen, von denen seine Seele immer und ewig umgebenist, als Bleibendes erfassen; das angeborne Gesetz des Geistestreibt ihn an, das Bedürfniß des Herzens reißt ihn hin, sich selbstzu erkennen, seine Stellung und seine Beziehung, seinen Ursprungund seine endliche Bestimmung in der ihn umgebenden sichtbarenWelt zu erfassen; und so wird er hinausgeführt iu eine höhereOrdnung der Dinge, indem er Beziehungen in sich entdeckt zu demEwigen und Unendlichen. Mit dem Gefühle der Erhabenheit überdiese sichtbare Welt entsteht zugleich das Gefühl der Abhängigkeitvon einer höheren Ordnung der Dinge, von Wesen, die höher anMacht und Dauer und an Einsicht sind, als der vom Weibe ge-borene Mensch. Er nahet sich diesen Wesen mit Scheu und Ehr-furcht, mit Gebet und Gaben; mit Opfer und Geschenken bemühter sich ihnen den Tribut seiner Unterwürfigkeit darznbringen, ihrenZorn von sich abzuwenden, ihre Gunst zu erlangen.
Braun: Disputa.
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