Druckschrift 
Auerbach's Dorfgeschichten
Entstehung
Seite
459
Einzelbild herunterladen
 

459

Der Lehrer stand auf und Hedwig bückte flch schnellnieder, um ihm mit der innern Seite ihrer Schürze diebeschmutzten Knie zu reinigen; der Lehrer aber duldetedas nicht, sein Herz pochte schnell, da er diese demuth-volle Bescheidenheit sah. Bald stand er wieder gesäubertda und sagte Hedwig abermals gute Nacht, sie blicktezur Erde, weigerte ihm aber ihre Hand nicht mehr.

Schwebenden Ganges ging der Lehrer dahin, es warals ob er den Boden kaum berührte, als ob eine höhereMacht ihn trüge; ein unnennbares Kraftgefühl durchströmtesein innerstes Mark, ihm war so leicht und frei, alleLeute schauten ihn verwundert an, denn er lächelte ihnenganz offen zu. —

So schnellem Wechsel ist aber ein Menschengemüthhingegeben, daß bald nach dem ersten Jubel der Lehrerin trüber Selbstanklage zu Hanse saß: „Du hast dich voneiner Leidenschaft zu schnell hinreißen lassen," sagte ersich. „Ist das die Festigkeit? An ein ungebildetes Bauern-mädchen hast du dich hingegeben, weggeworfen. — Nein,nein, aus diesem Antlitze spricht die Majestät einer zarten,sanften Seele." Noch mancherlei Gedanken stiegen inihm auf, er kannte jetzt das Bauernleben, und noch spätschrieb er in sein Taschenbuch: „Das silberne Kreuz aufihrem Busen ist mir ein schönes Sinnbild der Heiligkeit,Unnahbarkeit und Unberührtheit."

Hedwig aber hatte zu Hause keinen Bissen zu Nacht ge-gessen, ihre Leute zankten sie, sie habe zu viel geschafft,sie habe gewiß noch dem Lehrer in der Gartenarbeit ge-holfen; sie verneinte und machte sich bald zu ihrer Groß-mutter, mit der sie in einem Zimmer schlief.

Noch lange nach dem Nachtgebet sagte sie, als siedie Großmutter husten hörte und nun wußte, daß sieauch noch wach sei:

„Ahne, was hat denn das zu bedeuten, ein Kuß aufdie Hand?"

„Daß man die Hand gern hat."

„Weiter nichts?"