Druckschrift 
7 (1837) Der Christ und die Ewigkeit
Entstehung
Seite
544
Einzelbild herunterladen
 

544

ehemals. Weder die schulzerechten kirchlichen Lehrbegriffe,weder die trockenen Verstandes - und Vernunftreligionen, nochdie frommen Gaukeleien, prunkvollen Zeremonien, todten Ge-bräuche und Ohr und Auge täuschenden Feierlichkeiten thunvielen Herzen ein Genüge, die sich nach Vereinigung mit demGöttlichen sehnen. Daher währen auch Verirrungen und Ueber-treibungen anderer Art fort. Daher erbl ckt man auch in unsernTagen bei allen Religionsparteicn jene stillen, gutmüthigen, oftgeistlich-stolzen Schwärmer; jene schwermüthigen, mystischen,mit Bildern, Träumen und Gefühlen spielenden Beter undAndächtigen; jene Wunder- und Weissagungssüchtigen, dieman in allen Zeiten gefunden hat, die in der Liebe Gottes sichauflösen zu wollen scheinen, ohne in rastloser Großthätigkeitihre Liebe zu Gott durch Liebe zu ihren Mitmenschen offenbarenzu können. Sie zerfließen in Thränen, und zerrinnen mit ihrenEmpfindungen in der Verehrung und Liebe Jesu Christi; aberim Leben sind sie nicht, was Jesus fordert von denen, die ihnlieben. Ihre religiöse Schwärmerei besteht zuweilen noch rechtgut mit Geldwucher und Geiz, oder mit verhülltem Stolz undEhrgeiz, oder mit Wollust und Ueppigkeit, oder mit gehässigenRänken und Lästerungen. Viele führen vielleicht auch einenstillen, bürgerlichguten Lebenswandel: aber wo sind die, welche,wie Jesus, wie die Apostel, wie die ersten Christen, ihr ganzesDasein, und was sie sind und haben, dem Heil des Vaterlandes,dem Nutzen der Nebenmenschen, selbst dem Wohl ihrer persön,lichen Widersacher weihen?

Obwohl nun die ehemals aufgekommenen Verirrungen,Trennungen und Zwiespalts der Christen noch immerdar vor-handen sind: so ist auch gewiß, daß die Anzahl der wahrenVerehrer Gottes, der ächten, thätigen Bckenner Jesu in allenRcligionsparteien nach Maßgabe der Volksbildung und Auf-klärung jederzeit zunimmt. In denjenigen Ländern, wo Wissen-schaft und Denksreiheit am meisten mangelt, in denjenigenStänden, deren Unterricht durch weltliche Obrigkeiten undUnfleiß der Geistlichen am meisten verabsäumt ist, findet man