527
denen es gefiel, ungebunden zu denken, um ungebunden lebenzu können. Allerdings war es Vielen bequemer, sich ohneHarm den Eingebungen ihrer Neigungen und Lüste hinzugeben,als bei allen wichtigen Handlungen Gottes und ihrer ewigenBestimmung zu gedenken. Vielen war es im Rausch einesLebens voller Leidenschaften lieb, nicht mit dem richtendenGewissen zur Rechenschaft zu gehen, wenn Wollust, Hab-sucht und Ehrgeiz zu geheimen Verbrechen reizten; Vielenlieb, keinen allwissendes, heiligen Gott fürchten zu müssenbei ihren Werken der Finsterniß; Vielen lieb, wenn Bos-heit, Tücke und Rachsucht ihnen Mittel an die Hand gaben,den Untergang eines Feindes zu bewerkstelligen, daß sie nichtan Jesu hohes Gebot gefesselt sein sollten: Segnet, die euchfluchen, thut wohl denen, die euch beleidigen! — So ver-mehrte nicht die Weisheit, sondern das Sittenverderben, dieZahl der Freigeister.
Es ist dabei keineswegs zu läugnen, daß auch unter denvorzüglichern Gegnern der christlichen Religion redliche, inihrem Betragen sittlich gute Menschen waren. Damit aberwar freilich für die Güte ihrer Sache wenig bewiesen. Warumsollte es yicht auch außer dem Christenthum möglich sein, tugend-hafte Gesinnungen und Handlungen zu haben? Waren nichtunter den Jsraeliten lange vor Christi Geburt gottgefälligeMenschen ? Lebten nicht unter den Heiden wie unter den Türkenweise und edle Männer? Selbst die Apostel geben dies gern zu,und die Schriften des alten Bundes stellen uns dafür so vielrührende Zeugnisse und Beispiele auf.
Diejenigen irren wirklich sehr, welche glauben, daß außerder christlichen Kirche keine achtungswerthe, menschliche Tugendmöglich, oder daß das Christenthum die einzige Quelle guterGesinnungen sei. Nein, dem ist nicht so. Das Gefühl desRechten und Billigen, die Erkenntniß des Edeln und desBösen, ist vom Schöpfer jedem Herzen eingeimpft, jederVernunft gegeben. Aber dieses Gefühl, diese Erkenntnißwird durch die Religion Jesu mehr geläutert und gehoben,als durch irgend eine andere Religion oder irgend ein anderes