wieder von den bekehrten Heiden mancher Tempelgebrauch,manches Fest, manche Vorstellung in die Kirche über. Die Re-ligion Jesu Christi blieb zwar immer dieselbe, allein sie warddurch menschliche Zusätze in eine immer dichtere Hülle einge-schlossen, also daß diese oft undurchdringlich und der Kern unterder Schale fast vergessen ward.
Alle jene aus andern Religionen hrrstammende und nungleichsam verchristlichte Vorstellungen hatten wieder neue Ver-sinnlichung für das unwissende Volk vonnöthen. Damit häuftensich die Kirchenübungen, Zeremonien, und gottesdienstlichenHandlungen so sehr an, daß die ersten Christen, hätten sie denZustand des Gaubens und der Kirche drei-, vier- und fünf-hundert Jahre später sehen können, schwerlich geglaubt habenwürden, sich bei ihren Glaubensgenossen zu befinden.
Besonders ward das Zeichen des Kreuzes fast bis zur Ab-götterei verehrt; und es gab damals viele taufend Christen,welche nach empfangener Taufe von ihrer neuen Religion wenigmehr wußten, als ein Kreuz zu schlagen. Es galt anfangs alsdas gemeine Bild, wodurch sich Christen einander zu erkennengaben. Nachher glaubte man, daß in der bloßen Bezeichnungmit dem Kreuze eine wundernmkende Zauberkraft gegen allerleiUebel liege. Wenig ward an die Nachfolge Jesu, an Nach-ahmung seines heiligen, menschenfreundlichen Wandels gedacht,sondern mehr daran, daß wir durch sein am Stamm desKreuzes vergossenes Blut sündenrein geworden wären; endlich,besonders als man in den Kirchen anfing, priesterliche Los-sprechung von Sünden, und wohl gar um Geld dergleichen zuertheilen, dachte man weniger an Jesu Blut und Verdienst, alsan die übernatürliche Kraft des bloßen Kreuzzeichens. Es wardurchaus nicht mehr ein Erinnerungsmittel an die heiligen Ge-bote Jesu; sondern ein Wundermittel zum häufigen und per-sönlichen Nutzen, gegen Behexungen, bösartige Geister undUnglücksfälle aller Art. Man sah das Kreuz an allen Straßen,in allen Kirchen, in allen Häusern. Man trug es beständigauf dem Leibe; man bezeichnete sich damit mehrmals an einemTage; man heftete es selbst an die Thüre der Ställe, um das