Ehret unschädliche, oder wohl gar der Menschheit wohlthätigeVorurtheile, nicht weil sie an sich ehrenwerth sind, sondern umder Gefahr willen, die ihrer allzuplötzlichen Vernichtung folgt.Wer sich als Feind der Vorurtheile zeigen will, lasse sie unmittel-bar verschont, aber bringe durch verständigen Unterricht inSchulen, Kirchen und Schriften bessere Begriffe ins Volk, undüberzeuge durch Anleitung zum Prüfen des Wahren und Falschen.
Im Grunde, fast Alles, was wir lernen, glauben oder fürwahr annehmen, ist anfangs Vorurtheil; denn wir nehmen esin jüngern, wie in ältern Jahren meistens auf Treu und GlaubenAnderer an, denen wir Kenntniß der Sache zutrauen. Alles selberzu prüfen, haben wir weder immer Gelegenheit, noch Einsicht.Deswegen sollen wir beim ersten Unterricht der Kinder mit dergewissenhaftesten Sorgfalt darüber wachen, daß sie von Allem dasRichtige und Wahre vernehmen. Um so sicherer machen wirsie gegen nachfolgende Irrthümer. Ein reiner, geläuterter Ver-stand wird sich allezeit gegen das Falsche und Zweideutige sträuben.Ruht unser Vorurtheil auf einer Wahrheit, so ist es kein Irrthum,sondern nur eine uns selbst noch verborgene Quelle der Weisheit.
Die reinsten, beseligendsten Wahrheiten für das gesammteMenschengeschlecht liegen aber in Deiner Offenbarung und Lehre,o mein Jesus und Seligmacher. Ach, so lange Du lebtest, hatwohl Mancher sich an Dir geärgert, weil ihn seine Vorurtheileblendeten. Erst als Du vollendet hattest, erschien Dein Geist,Dein Werk in höchster Klarheit. Dein« Jünger, als sie Dicham Tage Deines Leidens verließen und flohen, sie hatten Dichnoch nicht in Deiner Vollendung erkannt. Nachmals ward ihnendies schöne Loos, und sie verließen Dich nicht wieder. Auch ich,o eingedorner, hoher Sohn Gottes, der auch mein Vater ist,erblicke Dich in Deiner Vollendung. Könnte ich Dich je ver-lassen ? — Nein, o nein! heilige Du mich immer mehr inDeiner Wahrheit; Dein Wort ist Wahrheit. Amen.