Das ist noch wenig, wenn man aus den Büchern der Ge-schichte erfährt, was sich vor Zeiten begeben hat, oder wie daSAlte allmälig zum Neuen übergegangen ist. Wohl lernt mandaraus die Sitten der Vorwelt kennen, die Tugenden undLeidenschaften der Menschen, ihre Kriege, ihre Einrichtungendes Friedens. Könige erfahren daraus vielleicht ihre Ansprücheauf Länder, die von den Vorfahren besessen wurden; Völkerwerden vielleicht durch die Kriegsthaten ihrer Vätcr zu gleichemMuthe entflammt; Künstler und Gelehrte machen darin ihr?Bekanntschaft mit großen Mustern früherer Zeiten, und Staats-männer folgern sich aus dem Allem neue Grundsätze der Klug-heit und Schlauheit.
Doch selten, vielleicht nie, ward die Geschichte des mensch-lichen Geschlechts aus dem höchsten Gesichtspunkte betrachtet,in welchem sie der Weise nehmen soll. Vielleicht waren diemeisten, welche die Tage der Vergangenheit beschrieben, ohneBeruf dazu, von den elenden Schwachheiten und Irrthümerndes Pöbels befangen. Knechtisch und ehrerbietig schmeichelten sieden sterblichen Fürsten, gleich Göttern. Mit kindischer Eitelkeitsuchten sie ihrem Volke einen uralten Ursprung zu erfinden»Sie bewunderten und verherrlichten die Thatkraft der groß-genannten Männer, unbekümmert um die Richtung, welche dieseKraft nahm. Sie vergötterten die glücklichen Krieger, als wen»die Kunst, mit Gewandtheit im Großen morden und verheeren zwkönnen, das Höchste des menschlichen Geistes wäre. Sie ehrtendas Glück, nicht das Her;: und priesen den Reichthum, diePracht und Furchtbarkeit eines Volkes mit größerer Begeisterung,als die einfachen Tugenden desselben.
So wurden die meisten Geschichten der vergangenen Zeitenvon unwürdigen Leuten beschrieben, wie wir sie täglich im Volkesehen; die vor den Großen kriechen, und Geld und Ehrcnstellenihr höchstes Gut nennen; die den Glücklichen schmeicheln und dieGemeinschaft des Unglücklichen meiden; die von der Tugendgern reden, aber sie zu üben allzufeig sind; die da, wo niedrigeHerkunft, geringer Stand, Armuth und Geräuschlosigkeit sind.