70
„Sehet welch ein Mensch!" — Hier stand der Herr, gegeißelt! und mit Dornen gekrönt, und für wen? —j Für das ganze sündige Menschengeschlecht, auch für mich!
— ... Das Kloster war im Bau so ziemlich vollendet,die Kirche jedoch kaum begonnen, und mußte wegen der fehlen-den Geldmittel liegen bleiben. Die Oberin hatte die Freundlich-keit, nnS durch alle Räume zu führen, wo uns die außer-ordentliche Reinlichkeit, im Gegensatz zu dem im Orient herr-> schcnden Schmutz in den Wohnungen, desto angenehmer über-raschte. Die Kinder schlafen hier auf Matten von Schilf,welche bei Tage aufgerollt sind. In der Nähe des Klostersbefindet sich der vermauerte Bogen, wo die Treppe war, die dermit Wunden bedeckte Herr beim Besteigen znm Nichtcrstnhle desPilatuS durch sein Blut heiligte. Diese Treppe (sam-ta scmla)befindet sich in Rom, wo ich dieselbe auf meiner Rückfahrt nochzu sehen hoffe. Wir verließen nun,die Stadt durch das StcphanS-thor, und führte uns unser Weg zuerst an die alte Tempel-mauer vorbei, deren einzelne Steine 24'^ Fuß lang und 3 Fußhoch waren. Dann gingen wir zu dem Stein, worauf derhl. Stcphanus gesteinigt wurde. Ungefähr Stunde weiterliegt die von einer Mauer umgebene Todesangst-Grotte, wo derHerr betete: „Herr, ist's möglich, so laß diesen bittern Widcns-kelch an mir vorüber gehen, doch nicht mein, sondern Deinj Wille geschehe". Wir knieten nieder und beteten hier an diesem
i Orte, wo der Erlöser seinen eigenen Worten nach bis in den
Tod betrübt und mit blutigem Schweiß bedeckt war. — Diesej Grotte ist in einem Felsen ansgehanen und befindet sich nochin demselben Zustand wie vor 1800 Jahren. Zwei Altäresind in derselben errichtet, einer an der Stelle, wo der Herrbetete und Blutstropfen aus den Poren seines hl. l!cibes hervor-drangen, und der andere ist errichtet znr Erinnerung an die dreischlafenden Jünger. Außerhalb der Grotte befinden sich die dreiSteine, worauf die Jünger geschlafen haben und wo der Herrdie Worte gesprochen: „Wachet und betet, damit ihr nicht in