Unwesentlichen, das Nothwendige vom Hinzugekommenen zuunterscheioen, und einzusehen, daß Meinung, Gefühl, Ucber-zeugung und Heiligthum des Einen nicht Sache Aller feinkönne, und man daher nachsichtvoll und duldend sein müße.
Gegen Unwissende und Verirrte sind wir weit schonender,als gegen solche Menschen, die recht absichtlich boshaft sind.Gegen jene empfinden wir oft Mitleiden, während uns die Ab-scheulichkeit von diesen empört. Leute, deren Religionsmeinungendurchaus von denjenigen verschieden sind, in welchen wir erzogenwurden, pflegen uns nur als Unwissende und weit von derWahrheit Verlorne zu erscheinen. Wir bedauern sie. Wennhingegen Personen mit uns in den Hauptgrundsätzen überein-stimmen, aber in Nebendingen oder Folgerungen einer an-erkannten Wahrheit von uns abgehen: so wird uns die Ursacheihrer Abweichung fast unbegreiflich. Wir werden geneigt, zuglauben, daß sie vorsätzlich und zum Trotz, oder aus eigen-nützigen Beweggründen, nicht denken und sehen wollen, wiewir, ungeachtet sie doch der Wahrheit ganz nahe stehen. Daherentspringt Haß; daher, daß diejenigen Glaubenssekten undKirchenparteien einander immer am allergrimmigsten verfolgthaben, welche einander am nächsten waren. Nie haben vreChristen wohl so großen Zorn gegen die Heiden empfunden, alsin den Zeiten der großen Kirchenspaltungen Katholiken undProtestanten, die beide Jesum Christum als ihren göttlichenLehrer und Seligmacher verehren, wider einander hegten.
Es ist in der That nur eine einzige Religion unter den Völ-kern, aber es gibt viele Religionsarten. Es kann nur eine Re-ligion geben, weil nur ein Gott ist, dem Alle zugehören, nachwelchem sich alle Herzen hinwenden. Und in so fern habenalle Menschen nur einen Glauben, nämlich der Gottheit;nur eine Pflicht, die aus dem Verhältniß des Menschen zuGott entspringt, nämlich die Liebe; nur eine Hoffnung,nämlich die des vergeltenden Lebens nach dem Tode. — Aberes gibt viele Religionsarten, oder mannigfaltige Gestalten desGlaubens in den Vorstellungen; der Liebe in den Hand-lungen gegen Mitmenschen; der Hoffnung in den Ver-