lichen Religionsbegriffe sehr verändere; daß ich im hohen Greisemalter, mit vielen Andern, auch meine Ansicht von göttlichenDingen umschaffe, so muß ich allerdings meine erste Verwun-derung über die Vielgestaltigkeit der Religionen bei den Be-wohnern des Erdbodens mildern.
Ja, wenn ich dazu noch erwäge, welchen Einfluß die Ver-schiedenheit der Himmelsstriche, oder der warmen und kaltenKlimate auf die Naturen der Länder und ihrer Pflanzen, Thiereund Menschen hat; erwäge, wie ernst und rauh der Sterblichein den Gegenden ist, die nahe an den Gebieten des ewigenSchnee's liegen; wie weichlich, schlaff und träge der Einwohnerbrennend heißer Landstriche ist; wie da die Temperamente, dieNeigungen, die Leidenschaften nothwendig gleichsam andere Töneannehmen: so wird mir hell und klar, daß die Religionsartenewig auf Erden verschieden bleiben werden, obwohl die Mensch-heit überall einerlei Geistesrichtung zu Gott, Ewigkeit undTugend behält.
In den kalten Nordländern, wo der Mensch mit größererAnstrengung dem viele Monate lang vom Eis erstarrten Bodendie Früchte der Nahrung abzwingen, wo er sein Vieh sorgfältigin warme Ställe einschließen muß, damit es nicht im Frostedes Winters verderbe, ist er selbst rauher, ernster. Sein Blutist gleichsam kälter. Kraft ist sein Stolz. Der Verstand ist inihm vorherrschend, seine Einbildungskraft minder lebendig, oderdüster, wie sein wolkenreicher Himmel. Und ernst ist auch seineReligion. Ihn erquickt darin mehr der Gedanke, als das Bild.Seine Kirchen sind einfach und ohne großes Prachtwesen, wieseine Landschaft im größten Theile des Jahres. Er liebt Frei-heit des Muthes, wie des Urtheils. Darum sind selbst seineKönige durch Gesetze und Stände beschrankt. Auch in derKirche will er keinen höchsten Priester und bindende Machteines Spruches anerkennen. Wer ändert ihn?
In den warmen Ländern ist feuriges Blut, lebendigere Ein-bildungskraft. Der wolkenlose freundliche Himmel, die buntePracht der Erde, die brennenden Farben der Blumen undVögel, Alles in der Natur wirkt mächtig auf die Lußem Sinne*