92
Diese Scelengaben sind aber bei den unvernünftigen Thierennicht alle in gleicher Stärke vorhanden, so wenig, als bei denMenschen. Sind die Seelen nun unter sich selbst in ihrer Voll-kommenheit verschieden? oder müssen wir glauben, daß eine Seeleihr ganzes Wesen nicht in aller Kraft äußern könne, wenn ihrWerkzeug, durch welches sie wirksam ist, mangelhaft, überhauptoder theilweisc gebrechlich, oder, wie bei den verschiedenen Thier-gattungen, von einander abweichend eingerichtet ist? Fast sollteman geneigt werden, das Letztere zu glauben. Eine Seelenkraftwird sich anders in der Schlange, anders im Vogel, anders immenschenähnlichen Affen äußern müssen. Man findet ja auch,daß Menschen, welche sich durch einen Fall oder Stoß edlereTheile ihres Leibes, besonders des Hauptes, verletzen (wo derstärkste Zusammenfluß der Nerven ist), oft große Veränderungenplötzlich in ihren Fähigkeiten erleiden. Man hat Beispiele, daßEinige jählings das Gcdächtniß überhaupt, oder nur für einigeGegenstände verloren, wie dies auch im hohen Alter, beim all-mäligen Verderbniß des irdischen Werkzeuges, manchmal derFall ist. Andere hingegen wurden durch einen scheinbaren Un-fall plötzlich verständiger, sinnreicher. Man weiß, wie geistigeGetränke vorzüglich schnell durch das in ihnen enthaltene flüchtigeWesen die Nerven reizen, und damit die Thätigkeit der Seelevermehren; in dem Einen das Gcdächtniß, im Andern die Ein-bildungskraft erhöhen. — Beweiset uns dies nicht, daß die Seelenalle'gleiche Anlagen haben mögen, aber daß sie nur durch theil-weise Fehler des Körperbaues und Nervcngcflechtes, oder durchverschiedene innere Gestaltungen des Körpers verhindert werden,ihre Anlagen insgesammt auf gleiche kräftige Weise zu äußern?
Sei dem wie ihm wolle, Gottes weise Schöpferhand hat dieseUngleichheit und Mannigfaltigkeit selbst in der Natur festgestellt.Sie dient zur Beförderung der Thätigkeit und Beseligung desWeltganzcn.
Immer aber ist es Schmerz oder Lust, was die Seele zumHandeln reizt; die erste Triebfeder aller Begierden, Hunger,Wollust, Behaglichkeit, Pein, Angst Schrecken u. s. w. regierendas Thier. Es kennt keinen höhcrn Beweggrund zum Handeln.