Druckschrift 
6 (1837) Gott in der Natur
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

Durchmustcre deinen Tageslauf, und erwäge jetzt, hast du wohlauch überall und gegen Jeden mit der nöthigen Besonnenheitund Klugheit gesprochen und gethan? Und warum geschah esnicht? Verführte dich ein bloßer Leichtsinn oder irgend eineauffallende Leidenschaft des Gcmüths zu unüberlegten Schrittenund Reden, womit du Andern wehe thatcst, dir aber gewißzuletzt am meisten geschadet hast? Hast du durch dein BetragenAndern eine vortheilhafte Meinung für dich eingeflößt, oderhaben sie dich für schadenfroh, geschwätzig, eitel, stolz, ehrgeizigoder wollüstig halten müssen? Haft du nicht öfters vorgezogen,dich andern furchtbar zu machen, statt verehrungs- und liebens-würdig? Werden die, gegen welche du hart, auffahrend, un-gefällig warst, hinter deinem Rücken dich rühmen oder ver-spotten? Werden die, gegen welche du dich lieblos bewiesenhast, dir bei vorfallenden Gelegenheiten als Freunde beistehen,für dich reden, für dich handeln, oder dich mit Lachen verderbenlassen? Werden die, gegen welche du, was besser verschwiegenacblieben wäre, ausplauderst, künftig Vertrauen zu dir haben,oder Andern Vertrauen auf deine Verschwiegenheit und Redlich-keit cinflößen? Werden die, welche du mit Unwahrheiten hinter-gingst, oder die du im Handel und Wandel und in Verträgenüberlistet hast, oder denen du Versprechungen gabst, welche dunicht halten magst, oder denen du Schadenfreude über AndererFehler und Unglück zeigtest, sich mit Zuversicht an dein redlichesHerz schließen wollen? Werden sie nach deiner Freundschaftbegierig sein können? Werden sie deiner gegen ihre Bekanntenehrenvoll, oder mit Tadel und gerechtem Vorwurf erwähnen?

Wie ist es nun gekommen, daß du, der immer über dieLieblosigkeit der Menschen klagt, den ersten Anlaß gegeben, daßdich Mancher noch nach langer Zeit, statt zu lieben, verachtenmuß? Wie ist es gekommen, daß du, der so gern allgemeinesZutrauen, allgemeine Achtung von Bekannten und Unbekanntengenießen möchte, diese Achtung, dieses dir entgegenkommendeVertrauen heute und gestern und so manchen Tag schon aufdis unüberlegteste Weise zurückgestoßen hast? Warum kehrst dirdeinem eigenen Ziel, nach dem du eilen willst, den Rücken?