Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
341
Einzelbild herunterladen
 

ren Grundsätzen der Tugend. Wenn es geschieht, daß wir auchLei den heiligsten Entschlüssen fehlen; daß wir, von unfernLeidenschaften überrascht, al>e Gelübde wieder vergessen haben,die wir in Stunden des Gebets und der Andacht dem Ewigenbrachten: so übermannt uns das bittere Gefühl der Ohnmacht,der Verzweiflung an unserer Kraft zum Guten. Dann werdenwir so leicht zu glauben geneigt, die Religion fordere zu viel vonuns; es sei unmöglich, Jesu Vorbild nachzuahmen; es sei un-möglich, fehlerlos zu werden. Dies Mißtrauen, dies Verzweifelnan uns macht uns zuletzt gleichgültiger und leichtsinniger gegenunsere Handlungen. Dann kommen Stunden, in welchen unSunsere Eigenliebe nicht nur enschuldigen, sondern sogar recht-fertigen möchte; Stunden, in denen wir unser ehemaliges Be-streben nach Seelenvollkommenheit für eine thörichte Schwärmereihalten, und uns bereden möchten, es sei genug, wenn wir nurdes Guten so viel leisten, als wir ohne Noch und Mühe können;wenn wir nur nicht schlechter seien, als viele Andere sind.

Diese Mutlosigkeit ist die entehrende Wirkung unsererEigenliebe, ist der Triumph unserer thierischen Natur über denunsterblichen Geist. Wahr ist es, auch der beste Mensch kannfehlen auch ein Petrus konnte einst, umgeben von denSchrecknissen der Gerichtsnacht, seinen Heiland verläugnen, -aber der bessere Mensch, wenn er gefallen, richtet sich um soherrlicher wieder auf. Eben dieser Wechsel des Siegens undBestegtwerdens bezeugt, daß wir im großen Kampfe begriffensind; eben unser Fallen deutet uns Sen Feind an, wo er amstärksten ist, wo wir ihm die größte Entschlossenheit und Kraftentgegenzustellen haben. Eine Tugend ohne Kampf und Opferist keine Tugend mehr; nur wo Ueberwindung ist, da istTugend. Und wahrlich, der soll nicht verzagen, der nichts alssich selbst zu bestreiten hat. Dem ernsten, gerechten Willen desMenschen über sich selbst ist Alles möglich.

Und sinkst du auch zuweilen im Streite unter, o Christ;werden deine Leidenschaften auch zuweilen mächtiger, als deineVernunft; erliegt auch deiner Seele Kraft einmal unter derMacht deiner Sinnlichkeit; verdrängt auch einmal Eigennutz