328
Apostel, wie andere fromme Menschen, im thätigcn, gemein-nützigen Leben verehrt und anbetet? Ist es denn der geistlicheStand, welcher einen Menschen heiligt, oder ist es nicht viel-mehr das gottgefällige Gemüth nach Jesu Sinn? — Heißt dassein Kind Gott weihen, wenn man eS äußerlich dem Altarund der Kirche näher bringt, statt es innerlich zu veredeln durchdie Religion Jesu, des Seligmachers? — Und wie namenloseGrausamkeiten haben nicht schon viele Aeltern durch Ablegungsolcher unüberlegten Gelübde begangen! Ehe sie die Neigungenihres Kindes kannten, verurtheilten sie es zu einer Lebensart,vor welcher es im reifern Alter Abneigung zeigte. Es ward zueinem Stande gezwungen, für welchen es nicht taugte; es wardwider seinen Willen auf Lebenszeit in Verhältnisse eingepreßt,in denen es mit seinen Anlagen, mit seinen Gemüthseigenheittnunglücklich werden mußte. — Wie, segnete euch Gott mitKindern, daß ihr die Mörder ihrer Freuden, ihrer Ruhe, ihrerGesundheit, vielleicht ihres Lebens werden solltet? — Wer gabeuch Recht und Vollmacht, denen die Freiheit und die Wahlihrer Lebensart zu rauben, welche darauf Anspruch machenkonnten, so gut als ihr selbst? — Können der Gottheit solcheunüberlegte Gelübde wohlgefällig sein? — Für euch zerrißJephthah in warnender Verzweiflung vergebens sein Gewandmit väterlichem Jammer.
Und doch, o ihr frommen Kinder, die ihr am Krankenbetteiner geliebten Mutter, eines sterbenden Vaters trauert, —- dieihr um Lebensverlängerung der Theuern Gott den Allbarmher-zigen anrufet mit heißen Thränen, mit feurigen Gelübden —wer wird euerm Schmerze nicht gern auch die Thränen, auchdie Verirrungen des Gebetes verzeihen? — Wer wird dir nichtverzeihen, blutendes Mutterherz, wenn du am Todesbettedeines Kindes erliegst unter der Bürde des Jammers; wennder Anblick der brechenden, geliebten Augen, das Erblassen dercheuern Mienen alle deine Nerven zerreißt, dein Leben bricht!Wer wird nicht die Gluth des Gebetes verzeihen, und dieleidenschaftliche Liebe, mit der du Gott Gelübde stammelst,daß er dir dein Kind erhalte! — Ach, den Tod selbst leiden